Transzendenz für Gottlose

Menschen, die nicht an einen Gott glauben, wird oft nachgesagt, dass es ihnen an Spiritualität und der Erfahrung von Transzendenz mangelt. Sie dächten rein rational und müssten alles erklären, wodurch jeder Zauber der Natur verloren ginge. Das ist falsch.

Vor wenigen Tagen hatte ich gleich zwei Erlebnisse, die für mich zutiefst transzendent waren. Das eine war die totale Sonnenfinsternis am 12. August 2026, das andere der Besuch der altsteinzeitlichen Höhlenmalereien von Altamira. 

Aber bevor es losgeht, hier eine kurze Definition der Begriffe „Transzendenz“ und „Spiritualität“:

Transzendenz – von Lateinisch „transcendere“ (übersteigen, hinüberschreitend) – beschreibt das Überschreiten einer Grenze, meist die unserer Sinne, unseres Bewusstseins oder der erfahrbaren Welt

Spiritualität – von Lateinisch „spiritus“ (Geist, Atem) – bezeichnet eine Haltung oder Erfahrung, die über das rein materielle Denken hinausgeht und die Verbundenheit mit etwas Größerem sucht

Erlebnis 1: Die totale Sonnenfinsternis am 12. August 2026

Bei einer totalen Sonnenfinsternis stehen Sonne, Mond und Erde in einer Linie, so dass von bestimmen Punkten der Erde aus betrachtet (die „Totalitätszone“) der Mond die Sonne komplett verdeckt und sich der Betrachter im Schatten des Mondes befindet. Dieser Moment, die so genannte Totalität, dauert maximal wenige Minuten, die Phase von der ersten Verdunklung der Sonnenscheibe bis zur Totalität knapp eine Stunde. Während dieser Zeit verändert sich allmählich das Licht, es wird bleifarben, so als würde sich ein Grauschleier über die Umgebung legen und die Temperatur fällt merklich ab. 

Doch der eigentliche Gänsehautmoment ist, der Übergang von der fast kompletten Bedeckung, wenn noch ein winziges Stück der Sonne sichtbar ist, in die Totalität. Innerhalb einer Sekunde wird es so dunkel wie bei einer fortgeschrittenen Dämmerung. Dann steht nur noch die „schwarze Sonne“ am Himmel, die schwarze Scheibe des Mondes, dahinter die leuchtende Corona der Sonne. In diesem Moment wird die Mechanik der weit entfernten Himmelskörper plötzlich am eigenen Leib erfahrbar. Die räumliche Dimension von Erde, Mond und Sonne ist für einen Moment greifbar und man spürt die Winzigkeit des Menschen im Angesicht dieser gigantischen Bewegungen. Unsere Wahrnehmung, die uns immer in den Mittelpunkt stellt, erhält auf einem einen ganz anderen, viel größeren Bezugsrahmen. Das ist für mich Transzendenz. 

Erlebnis 2: Altsteinzeitliche Malereien in der Höhe von Altamira

Eine andere, aber nicht weniger eindrückliche Art der Transzendenz war der Besuch der Malereien in der Höhle von Altamira. Die Höhle, oft als „Sixtinische Kapelle der Altsteinzeit“ bezeichnet, wurde 1868 entdeckt und ist heute UNESCO Weltkulturerbe. Um die Malereien zu schützen, ist sie seit 1979 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Im Museum von Altamira wurde der 1500 qm große Eingangsbereich mit den Deckenmalereien maßstabsgetreu nachgebaut. Dieser Nachbau, die „Neocueva“, bietet seit 2001 Besuchern die Möglichkeit, die Malereien zu besichtigen.

Die Höhle enthält über 900 altsteinzeitliche Bilder, geschaffen während zweier Besiedlungszeiträume zwischen 16.500 bis 13.000 v.u.Z. Zu sehen sind vor allem Tiere: Bisons, Hirsche, Hirschkühe, Pferde und Wildschweine, einige geritzt, einige nur mit Kohle, viele farbig ausgemalt. Dabei wurde die natürliche Topologie der Decke mit einbezogen, so dass einige Darstellungen besonders plastisch und lebendig wirken. Die Beleuchtung in der Neocueva ist gedimmt, so dass der Raum trotz seiner Größe und der Vielzahl der Besucher, zumindest ein wenig das Gefühl eines Höhlenbesuchs vermittelt. 

Obwohl es sich um Nachbildungen handelt, ist der Eindruck absolut überwältigend. Diese Malereien wurden ohne Zweifel von Menschen geschaffen, die einen Sinn für Ästhetik und Kunst hatten. Die Schönheit ihrer Darstellungen spricht den Betrachter ganz direkt an und über die vielen Jahrtausende hinweg fühlen wir uns mit ihnen verbunden. Das Leben dieser steinzeitlichen Jäger und Sammler ist für uns kaum vorstellbar, aber ihre Kunst verstehen wir unmittelbar. Das waren Menschen wie wir, und ihre Kunstwerke sind immer noch lebendig. Diese Verbindung zu spüren, auch das ist für mich Transzendenz. 

Für mich waren beide Erlebnisse tief berührend. Der Unterschied zu religiöser Transzendenz liegt darin, dass ich kein Jenseits und keine imaginären Wesen brauche, um Transzendenz wahrzunehmen. Natur und Naturgeschichte genügen mir vollkommen, um einen Kontext zu erkennen, der mich als Individuum transzendiert. Wir alle sind Teil von etwas Größerem, sei es Teil der langen Geschichte der Menschheit, sei es als Bewohner eines Planeten, der begleitet von seinem Mond um eine Sonne kreist. In einigen besonderen Momenten können wir genau das spüren, ganz ohne Gott oder Götter.