Bruder Paulus und die Barmherzigkeit

Bruder Paulus in der Sendung "hallo hessen" zum Tag des Respekts am 7 Juni 2017 (Screenshot)

Wahrhaftig. Berührend. Wirkungsvoll. Seine Worte beflügeln, seine Taten bewegen. – Sagt Bruder Paulus über Bruder Paulus. Wow, da muss man sich als Gott schon anstrengen, um da noch mithalten zu können. Aber für den Schöpfer kommt’s noch dicker:

„Corona hat das Land fest im Griff. Der Frankfurter Kapuziner-Bruder Paulus Terwitte will der Plage nun mit Gottes Hilfe entgegentreten: Durch entschlossenes Beten. (…) Die Coronakrise ist erstmal ganz sachlich gesehen eine Beziehungsstörung zu dem schützenden Gott. (…) Man kann Gott schon klar sagen: „Wenn bis März nicht das Virus verschwunden ist, dann gehe ich zwei Monate nicht mehr zur Kirche, oder ich bete ein halbes Jahr nicht mehr.“ (vom Dezember 2020, Quelle: www.bruderpaulus.de)

Man kann aber genauso klar sagen: Der Autor dieser Worte hat offenbar den Schuss nicht gehört. Doch damit ist er bekanntlich nicht der Einzige auf der Welt. Was ihm einen sicheren Platz auf dieser Seite garantiert, ist seine aggressiv-missionarische Selbstherrlichkeit, die neben Gott auch einige normalsterbliche Mitbürger erfahren haben. Und die die Honoratioren nicht davon abhält, ihn mit Lobpreisungen zu überhäufen. Doch der Reihe nach.

Herr Terwitte / Bruder Paulus war unter anderem Leiter des dortigen Franziskustreffs im Kapuzinerkloster Liebfrauen, einer Hilfseinrichtung für wohnungslose Menschen, ein uneingeschränkt lobenswertes Engagement, weitere Informationen zur Person im Wikipediaeintrag Paulus Terwitte. – Und auf diesen Eintrag kommen wir gleich noch zurück, denn was dort (nicht mehr) zu lesen ist, dass Tausensassa Terwitte keineswegs so unumstritten ist, wie er sich selbst sieht.

Praktische Lebenshilfe aus der katholischen Kirche

In der „Welt“ war am 20.12.2012 in einer Nachschau zur Sendung hartaberfair zu lesen, wie Terwitte den Witwer eines Suizidopfers angegriffen hat. „Es war schon irritierend , (…), als er Walter Bolinger (Anm.: den Witwer) schnippisch fragte, warum er seiner Frau nicht gleich die Pulsadern aufgeschnitten habe.“, Auch die FAZ berichtete ähnlich über diesen Vorfall.

Terwitte bei "Hart aber fair"

Kritikloser Supermann

Die Kritik an diesem Auftritt fand sich auch im Wikipedia-Eintrag von Terwitte – jedenfalls bis zum 28. August 2015. Dann haben hilfreichen Hände den Passus „Kritik“ komplett gelöscht, seitdem gibt es keine Kritik mehr an dem Medienbruder. Die Änderung wurde durch den Nutzer „Turris Davidica“ vorgenommen, das bedeutet „Turm Davids, unbezwingbarer Bergfried“ – wer immer der Unbezwingbare sein mag.

Wikipedie, vorher - nachher
Seit 2015 gibt es keine Kritik mehr an Bruder Paulus

Nächstenliebe – aber nicht für alle

„Eisenbahn-Reiner“ aus Frankfurt hat ebenfalls so seine Erfahrungen mit Terwittes Vorstellungen von Respekt gemacht und zwar im Oktober 2016. Eisenbahn-Reiner, das ist Reiner Schaad. Er hat keinen festen Wohnsitz und baut seit einigen Jahren in der Liebfrauenstraße Spielzeug auf und hofft auf Spenden von Passanten. Bruder Paulus hat dann irgendwann nur mal eben „beim Ordnungsamt nachgefragt, ob er eine Genehmigung habe, sein Sammelsurium zeigen zu dürfen.“ Terwitte weiter: „„Wir haben in dieser Stadt Regeln. Es gibt eine Straßennutzungsordnung, die für alle gilt. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?“ Wie zynisch und selbstherrlich muss man sein, um einem Obdachlosen seine Existenzgrundlage zu gefährden?
(Quelle: Frankfurter Neue Presse, 06. Oktober 2016)

Bereits damals hatte es Proteste gegen die Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt durch Oberbürgermeister Peter Feldmann gegeben:

Protest gegen Auszeichnung
Quelle: Journal Frankfurt, 27. September 2017

Wer das nun für einen Ausrutscher hält, wurde im Juli 2021 eines Besseren belehrt: Die zwischenzeitlich erteilte Sondergenehmigung für „Eisenbahn-Reiner“ wollte der barmherzige Bruder nicht akzeptieren und reichte Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den zuständigen SPD-Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling ein. Noch mal zum Mitschreiben: Ein Kapuziner-Mönch bekämpft seit fünf Jahren die Existenzgrundlage eines Obdachlosen.

FR berichtet über Eisenbahn-Reiner, Juli 2021
Quelle: FrankFurter Rundschau 16. Juli 2021

Begründung von Terwitte: „Liebe braucht Ordnung, nur dann kann sich jemand entwickeln.“ Immerhin: Die Beschwerde wurde von Innenminister Beuth abgeschmettert, Eisenbahn-Reiner darf (vorerst) bleiben. Nahezu zeitgleich wurde Herrn Terwitte übrigens das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ von Ministerpräsident Volker Bouffier verliehen.

Aufruf zur Spendenumleitung

Hinter der vorgeschobenen Ordnungsliebe dürfte sich jedoch ein ganz anderes Motiv verbergen: Menschen in Abhängigkeit und sie so auf katholischen Kurs zu bringen und der Kirche das Monopol der Obdachlosenhilfe zu sichern. So ruft der Kapuzenmann denn auch unter dem Deckmäntelchen der Bekämpfung aggressiver Bettelei dazu auf, nur noch an karitative Organisationen zu spenden, zum Beispiel an seine, anstatt sie Menschen direkt zu kommen zu lassen: „Helfen durch nein„.

Glanzleistungen ohne Ende

Im Rahmen des Skandals um den Bischofssitz in Limburg und den damaligen Bischoff Terbartz-van-Elst beweist Terwitte allerdings wirklich Respekt – nämlich vor dem indiskutablen Bischoff und zwar in einem Interview mit dem „Domradio“ am 8. Oktober 2013. „Bruder Paulus nimmt Limburger Bischof in Schutz, Ein Kilometer Autobahn kostet 40 Millionen.“ Terwitte wörtlich: „Meine Frage ist eher: Woher kommen die Kräfte, die ausgerechnet jetzt Bischof Tebartz van Elst in die Öffentlichkeit zerren?“ Kleiner Hinweis: Einen Bischoff muss man nicht in die Öffentlichkeit zerren, der steht kraft seines Amtes schon da.

Übrigens kann man Bruder Paulus sogar ein bisschen sprachlos machen. so bei einer Frage-Runde am 8. Februar 2012 mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 9a des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums in Frankfurt. Auf die Frage von Luise (14), wie man als unverheirateter Seelsorger auf Ehe- und Familienprobleme eingeht, bezeichnet sich Bruder Paulus als „Katalysator, der den Anstoß zu Lösungswegen gibt“ Naja, die Antwort ist so mittel. „Bruder Paulus betont abschließend, er wolle niemanden mit seiner Botschaft binden, aber zum bewussten Umgang mit Treue, Glaube und dem Gebet anregen.“ Das scheint dem Familienexperten sowieso eine Herzensangelegenheit zu – Wo sonst erhält man Tipps wie „Kein Seitensprung in der Fastenzeit“ („FAZ, 22.02.2012„)

Tja, Herr Terwitte soll man das wirklich glauben? – Anlässlich eines kirchenkritischen Info-Standes in der Frankfurter Innenstadt im April 2013 erhielten die Organisatoren am Vorabend spät eine ungebetene telefonische Beratung vom Kapuzinerbruder. Und am nächsten Tag genauso ungebeten missionarischen Besuch. Respekt bedeutet nach Bruder Paulus eben, „auch mal jemandem zu sagen, wenn er auf dem Holzweg ist.“ (hr Fernsehen, Hallo Hessen, 7. Juni 2017, O-Ton, Bruder Paulus). – Und was ein Holzweg ist, entscheidet offenbar einzig und allein Bernhard Gerhard Terwitte alias Bruder Paulus.