Darf ein Mensch in der Öffentlichkeit beten? Über diese – vermeintlich einfache – Frage ist in Deutschland ein Streit entbrannt. Auch wenn für Atheisten das dringende, nicht aufschiebbare Bedürfnis nach einem Gebet schwer nachvollziehbar ist, würden auch wir sagen, dass dies in Ordnung geht, solange keiner dadurch belästigt oder beeinträchtigt wird. Nur mal als Beispiel: Wenn manche Muslime ihren Gebetsteppich im Flugzeug auf dem Gang ausrollen, dann geht das zu weit, denn das behindert den Flugbetrieb. Usbekistan Airways hat das klar erkannt und verbietet das Ausüben religiöser Rituale in Gängen, Notausstiegen und Küchen von Flugzeugen. Dazu sei angemerkt: Usbekistan ist ein mehrheitlich muslimisches Land.

Nun geht es bei unserer Frage natürlich nicht um irgendein Gebet, sondern um das von Felix Nmecha nach dem Auftaktspiel der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM. Und er hatte vermutlich auch kein dringendes Gebetsbedürfnis, sondern einen Plan: Möglichst viel Aufmerksamkeit für seinen Glauben an Jesus erzielen. Wie andere Profi-Fußballer, die sich für die Organisation „Fußball mit Vision“ engagieren, hält er mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinterm Berg. Das ist grundsätzlich ok, keiner muss seinen Glauben – oder das Fehlen desselben – verstecken, das nennt man Religionsfreiheit und die wird vom Grundgesetz geschützt.
Nicht ok hingegen ist, dass Felix Nmecha und andere ihre privilegierte Stellung und mediale Präsenz für das Propagieren ihrer Religion maximal ausnutzen. Genauso wenig ist es ok, dass der DFB und die FIFA das anscheinend tolerieren, während die One-Love-Armbinde als Zeichen für die Rechte queerer Menschen bei der WM in Katar von der FIFA verboten wurde. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Denn „Fußball mit Vision“ hat eben nicht nur eine Vision, sondern vor allem eine Mission: Die Begeisterung junger Menschen für Fußball nutzen, um sie für den christlichen Glauben zu gewinnen. Dafür gehen sie in Schulen, organisieren Trainingscamps und sind vor allem in den sozialen Medien aktiv. Im Hintergrund laufen Verbindungen zu evangelikalen Kreisen, die ja nicht gerade durch Toleranz anders- und ungläubiger Menschen auffallen. Was das für homosexuelle und queere Jugendliche bedeutet, wenn ihr Trainer oder ihre Trainerin bekennender Evangelikaler ist und behauptet, das Homosexuelle in die Hölle kommen, kann man sich leicht vorstellen.
Religionen und Glauben dürfen Platz haben in der Öffentlichkeit, genauso wie andere Weltanschauungen auch. Aber das Zusammenleben in einer weltanschaulich vielfältigen Gesellschaft setzt voraus, dass jeder von uns die Rechte der anderen respektiert. Wie schon Kant sagte: Die Freiheit jedes einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Felix Nmecha hat diese Grenze mit Absicht überschritten. Ich persönlich möchte von niemandem missioniert werden, von daher noch einmal kompakt zusammengefasst:
