Schopenhauer und die Kritik an der religiösen Indoktrination von Kindern

Der Ort 

In Wohnhaus Schöne Aussicht 16/17 lebte Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) seit 1843. Dort verstarb der Philosoph am 21. September 1860 im Alter von 72 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Schopenhauer war 1831 nach Frankfurt gekommen, nachdem er vor der Cholera-Epidemie aus Berlin geflohen war. Ab 1833 entschied er sich, dauerhaft in Frankfurt zu bleiben. In Frankfurt entstand der Großteil seiner späteren Werke und Überarbeitungen, z. B. Parerga und Paralipomena (1851). Ab den 1850ern wurde seine Philosophie zunehmend bekannt.

Das klassizistische Gebäude wurde am 22. März 1944 bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute steht etwa an der Stelle das Hotel „Schopenhauer Hof“.

Ansicht des Schopenhauerhauses an der Schönen Aussicht von Südwesten (Rendering aus dem Virtuellen Altstadtmodell Frankfurt am Main von Jörg Ott)

https://de.wikipedia.org/wiki/Schopenhauerhaus

Haltung Schopenhauers zur Religion allgemein

Arthur Schopenhauer 1845 (Daguerreotypie eines unbekannten Frankfurter Fotografen)

Schopenhauer war kein religiöser Mensch im traditionellen Sinne; er war selbst im protestantischen Umfeld aufgewachsen. Er lehnte die meisten westlichen Religionen ab, fand aber in indischen Lehren (Upanishaden, Buddhismus) Bestätigung für seine Philosophie, die er als eine Art Erlösungslehre sah, die den Leiden der Welt durch Verleugnung des Willens entgegenwirkt.

Er hielt Philosophie für der Religion überlegen, erkannte aber, dass die meisten Menschen dafür keine Veranlagung haben, und sah Religion als sinnvoll an für die Moral.

Kritik an der Indoktrination von Kindern durch Religionen

In seinem  Essay „Über Religion“ in Parerga und Paralipomena entwickelt Schopenhauer seine berühmte These: Religionen müssten sehr früh eingeprägt werden, weil sie später rational schwer haltbar seien. Sinngemäß argumentiert er:

  • Religiöse Überzeugungen werden bewusst im Kindesalter vermittelt,
    bevor kritisches Denken ausgebildet ist.
  • Erwachsene würden viele religiöse Dogmen nicht mehr akzeptieren,
    wenn sie ihnen erst später begegneten.
  • Deshalb sei frühe religiöse Erziehung eine strategische Voraussetzung für den Fortbestand von Religion.

Schopenhauer bezeichnet Religion als eine Lehre, die stark auf Gewohnheit und früh erlernte Denkstrukturen angewiesen sei.

  1. Kindheit = Phase ohne kritisches Denken
    Kinder vertrauen Autoritäten und nehmen Aussagen unhinterfragt an.
  2. Religiöse Lehren werden als unbezweifelbare Wahrheiten vermittelt
    Sie werden emotional und moralisch aufgeladen.
  3. Spätere Kritik wird psychologisch erschwert
    Weil Glaubenssätze mit Angst, Moral, Autorität verbunden sind.

Kritik am Religionsunterricht

Schopenhauer sah im Religionsunterricht ein Beispiel für diese Frühprägung. Er kritisierte, dass religiöse Aussagen dort nicht wie Hypothesen, sondern wie unumstößliche Tatsachen vermittelt würden. Seine Kritik richtete sich weniger gegen religiöse Moral als gegen:

  • Dogmen als Tatsachenbehauptungen
  • kirchliche Autorität
  • fehlende intellektuelle Redlichkeit

Er hielt Religion für „Volksmetaphysik“, aber meinte, ihre Weitergabe basiere stark auf pädagogischer Prägung statt rationaler Überzeugung.

Was würde Schopenhauer heute sagen?

Der Religionsunterricht ist als einziges Unterrichtsfach durch das Grundgesetz geschützt (Art. 7 Abs. 3 GG):

Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.
Er wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaftenerteilt.

Das bedeutet konkret, die Religionsgemeinschaften bestimmen die Inhalte, die Kinder werden nach Religionen/Konfessionen getrennt unterrichtet. Neben der staatlichen Lehrbefähigung brauchen Religionslehrer in Deutschland zusätzlich eine kirchliche Beauftragung: katholisch → Missio canonica, evangelisch → Vokation

Ethikunterricht – die immer beliebtere Alternative

Ab 8 Schülern muss Ethikunterricht angeboten werden – vorausgesetzt es gibt jemanden, der Ethik unterrichten kann. Er ist verpflichtend Lehrfach für alle, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Ab dem Schuljahr 2025/26 muss Ethikunterricht an Grundschulen angeboten werden.

Verordnung über den Ethikunterricht (Hessen) vom 15.03.2023

In Hessen besuchen laut Statistik der KMK gut 86 000 Schüler und Schülerinnen den katholischen, 206 000 den evangelischen Unterricht. Die größte Gruppe bilden jene, die Ethik besuchen, das sind fast 226 000. Lediglich 159 sind es im orthodoxen, 49 im jüdischen Religionsunterricht.

Religionsunterricht ist grundsätzlich bekenntnisorientiert, also evangelisch oder katholisch, kann aber auch gemischt-konfessionell erteilt werden, etwa, wenn sonst die Klassengröße nicht erreicht würde. Das muss vom Kultusministerium allerdings genehmigt werden.

Beim Islamunterricht gibt es in Hessen zwei unterschiedliche Formen. Der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht wird in Zusammenarbeit des Landes mit den Religionsgemeinschaften Ditib und Ahmadiyya angeboten. Gut 1400 Schüler und Schülerinnen weist die KMK-Statistik dafür aus.

Zudem gibt es den nicht bekenntnisorientierten Islamunterricht, der allein vom Land angeboten wird. Bei dieser Islamkunde handelt sich nicht um Religionsunterricht im eigentlichen Sinn, sondern es soll dort Wissen über den Islam, seine Geschichte, Traditionen und kulturelle Ausprägungen vermittelt werden. Er ist für Schüler und Schülerinnen aller Glaubensrichtungen offen. Ihn gibt es seit dem Schuljahr 2019/2020. Knapp 2700 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind es laut KMK-Zahlen dort. 

Frankfurter Rundschau: Ethik gewinnt, Religion verliert

Material zum Herumreichen:

  • Abschnitt aus Parerga und Paralipomena zur religiösen Indoktrination von Kindern
Treuners Altstadtmodell, hier das Schopenhauerhaus in einer Fotografie von 2008 im Detail, entstand auf Grundlage noch während des Zweiten Weltkrieges getätigter Aufmaße
Eine der frühesten fotografischen Detailaufnahmen des Schopenhauerhauses, 1861 (Fotografie von Carl Friedrich Mylius)
Überreste des Schopenhauerhauses auf einem Luftbild der Altstadt, März 1945