Wir sind Charlie. Tatsächlich?

Wie viele andere trauern auch wir um die Menschen, die in dieser Woche durch religiöse Fanatiker ihr Leben verloren haben. Um die Mitarbeiter von Charlie Hebdo, um die französischen Polizisten, um die Geiseln im jüdischen Supermarkt. Und auch um die Opfer von Boko Haram in Nigeria und die unzähligen anderen, deren Ermordung durch religiöse Fundamentalisten es nicht bis in die Medien geschafft hat. Es tut gut zu sehen, dass Menschen überall auf der Welt zusammenstehen, um die Grundwerte von Meinungsfreiheit und Demokratie hochzuhalten. Diese Solidarität mit den mutigen Menschen, die, wie Stéphane Charbonnier, der Herausgeber von Charlie Hebdo, schon fast prophetisch sagte, „lieber stehend sterben als knieend zu leben“, ist wichtig. Aber die Parole „Ich bin Charlie“ muss mehr sein als ein Lippenbekenntnis. Mehr als ein tröstliches Gefühl.

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Solidaritätsbekundung am Flughafen von Porto.

Wer wirklich Charlie sein will, muss auch mit seiner eigenen Person einstehen für diese Werte. Darf nicht zurückschrecken vor den dringend notwendigen Diskussionen, zum Beispiel darüber, welchen Anteil die Religionen am Leid der Welt haben. Denn es ist mittlerweile nicht mehr zu übersehen, welch zerstörerisches Potential religiöse Überzeugungen in sich bergen. Um es ganz klar zu sagen: Die absolute Mehrheit der Muslime ist friedlich und gegen Gewalt. Sie sehen den Koran als Ausdruck einer menschenfreundlichen, friedlichen Religion. Aber wer den Koran – oder auch die Bibel – als Inbegriff der Menschenliebe und Friedfertigkeit sieht, tut dies, weil er selbst diese Werte für sich als wichtig erachtet. Die andere Seite der heiligen Schriften wird dabei leider gerne ausgeblendet, denn auch die Attentäter von Paris und die Todesschwadrone von Boko Haram berufen sich auf den Koran. Dort gibt es – genauso wie übrigens in der Bibel – neben menschenfreundlichen und humanistischen Aussagen auch unzählige Aufrufe zu brutalster Gewalt gegenüber Menschen, die anderen Glaubens sind oder gar keiner Religion angehören. Tatsache ist, in die heiligen Bücher lässt sich viel hineininterpretieren – kein Wunder, sind sie doch das Werk von Menschen. Und Menschen sind nun mal zum Guten ebenso fähig wie zum extremen Bösen.

Wir selbst entscheiden, auf welchen Werten wir unser Zusammenleben aufbauen. Wer eine multikulturelle, weltanschaulich pluralistische, demokratische Gesellschaft will, muss bereit sein, sich mit den Meinungen anderer gewaltfrei und auf Augenhöhe auseinanderzusetzen. Die Berufung auf eine transzendente Macht mit einem absoluten Wahrheitsanspruch ist hier fehl am Platze. Solange Religionen aber den Anspruch haben, dass ihre Gesetze über der staatlichen Rechtsprechung stehen – Stichwort Beschneidung – , solange sie nicht in der Lage sind, Kritik und Satire zu ertragen ohne Blasphemie zu schreien, solange sind sie letztendlich nur eingeschränkt demokratiefähig. Hinter den oft zitierten verletzten religiösen Gefühlen verbergen sich in aller Regel vor allem fehlende Toleranz und ein Mangel an Argumenten.

In einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft gilt: Jeder darf glauben, was er will; aber er darf nicht wollen, dass andere dasselbe glauben müssen wie er. Ob Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo oder der befleckte Papst in der Titanic: Humor und Satire sind unabdingbarer Bestandteil der Meinungsfreiheit. Freie Rede für freie Bürger. Oder um es mit Cabu, einem der ermordeten Zeichner von Charlie Hebdo zu sagen:

„Keine Grenzen für Humor. Und zwar im Dienst der Redefreiheit, denn wenn der Humor endet, überlässt er seinen Platz oft der Zensur oder der Selbstzensur.“

Unser Faktencheck: Wie gut vertragen Politiker und Kirchen Satire wirklich? Eine kleine Bestandsaufnahme der letzten Jahre …