Verstöße gegen das hr-Gesetz: Bruder Paulus Spezial

Kapuzenmann auf medialer Mission

Wer die „hessenschau“ und „hallo hessen“ kennt, kennt auch Bruder Paulus. Der Kapuzinermönch ist ein echter Medienprofi und als solcher beim hr gern gesehener Gast. Zumal er zu jedem Thema seine – katholisch fundierte – Meinung hat, die er auch gern wortreich verkündet. Um dem Kirchenmann mal wieder Gelegenheit zum Predigen zu geben, wird dann die thematische Aufhängung auch mal etwas überstrapaziert. Zum Beispiel in der „hallo hessen“-Ausgabe zum „Tag des Respekts“.

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Im Mittelpunkt der Sendung steht zunächst der Darmstadt98-Fan Jonathan „Johnny“ Heimes, der posthum vom Land Hessen als „Mensch des Respekts“ ausgezeichnet wurde. Er starb 2016, erst 26jährig, an Krebs. Während seiner zwölf Jahres andauernden Krebserkrankung gründete er die Initiative „Du musst kämpfen“. Johnnys Wunsch war es, anderen krebskranken Kindern zu helfen. Viele Menschen unterstützten seine Idee – sei es durch den Kauf der Motivationsbändchen oder seines Buchs „Comebacks – Meine Leben“. Durch Johnnys Einsatz erhielt der Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ bis heute über 150.000 Euro an Spenden. Studiogast in der Sendung ist Jonathans Vater, Martin Heimes. Der bekommt zunächst Gelegenheit, von seinem Sohn und dessen Anliegen zu erzählen. Allerdings nimmt die Sendung im zweiten und dritten Teil einen eher unerwarteten Verlauf.

Bruder Paulus auf dem Holzweg

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Es erscheint im Studio Kapuzinermönch Bernhard Gerhard Terwitte, besser bekannt als „Bruder Paulus“. Was genau er mit dem „Tag des Respekts“ zu tun hat, bleibt unklar. Vermutlich denkt der hr, Kirchenmenschen wissen wertemäßig automatisch am besten, wo’s langgeht. Klar aber ist, Bruder Paulus hat auch zum Respekt jede Menge zu sagen. Das Thema der Sendung – die Auszeichnung als „Mensch mit Respekt“ –  und Vater und Sohn Heimes, um die es ja eigentlich geht, geraten leider völlig in den Hintergrund, wenn Terwitte ungebremst und thematisch frei salbadert: „Sicherheitsdienst in der Liebfrauenkirche … Müll auf dem Fensterbrett der Kapelle …neulich beim Franziskustreff …“ Moderatorin Selma Üsük – ganz im Bann des medial versierten Kapuzenmannes –  spart dabei nicht mit ebenso generischen wie beliebigen Steilvorlagen: „Kann man Respekt lernen?“ und „Wird Respekt vererbt?“ Ja klar, Respekt wird genauso vererbt wie eine Schwangerschaft oder ein Schulabschluss.

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Gelegentlich wird der eher unglücklich wirkende Vater Heimes angesprochen, der aber die Terwitte’schen Eigenwerbeversuche nicht aufnimmt, sondern darauf hinweist, dass Vielfalt toleriert, akzeptiert und respektiert werde sollte, um ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft zu gewährleisten. Terwitte sieht das wohl anders: Respekt bedeutet für ihn, „auch mal jemandem zu sagen, wenn er auf dem Holzweg ist.“ Und was der Holzweg ist, sagt Ihnen gerne Ihre katholische Kirche, denn ‚ „Die katholische Kirche ist die Hüterin der Freiheit,“ meint Bruder Paulus.‘ (https://www.bruderpaulus.de/index.php/glauben/) Nach diesem Fremdschämspektakel leitet die leicht überforderte Moderatorin ansatzlos zum nächsten Thema über: Mameladekochen.

Willkommen bei Bruder Paulus‘ Fettnäpfchen-Parade

Wer Herrn Terwittes Medienauftritte aufmerksam verfolgt, findet leicht noch mehr Gründe, warum dieser als Intoleranzexperte am Tag des Respekts besser nicht über Respekt philosophieren sollte:

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So war in der „Welt“ am 20.12.2012 in einer Nachschau zur Sendung hartaberfair zu lesen, wie Terwitte den Witwer eines Suizidopfers angriff: „Es war schon irritierend, (…), als er Walter Bolinger (Anm.: den Witwer) schnippisch fragte, warum er seiner Frau nicht gleich die Pulsadern aufgeschnitten habe.“ Auch die FAZ berichtete ähnlich über diesen Vorfall („Suizid – eine Krankheit, die man heilen kann?“)

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Diese Kritik fand sich übrigens auch im Wikipedia-Eintrag von Terwitte – jedenfalls bis zum 28. August 2015. Dann löschten hilfreiche Hände den Passus „Kritik“ komplett, seitdem gibt es keine Kritik mehr an dem Medienbruder (siehe Screenshot). Die Änderung wurde durch den Nutzer „Turris Davidica“ vorgenommen, das bedeutet „Turm Davids, unbezwingbarer Bergfried“ – wer immer der Unbezwingbare sein mag.

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Im Oktober 2016 machte dann auch „Eisenbahn-Reiner“ aus Frankfurt seine Erfahrungen mit Terwittes Vorstellungen von Respekt. Eisenbahn-Reiner, das ist Reiner Schaad. Er hat keinen festen Wohnsitz und baut seit einigen Jahren in der Liebfrauenstraße – also quasi in Terwittes Vorgarten – sein Sammelsurium auf in der Hoffnung auf eine Spende von Passanten. Bruder Paulus hat dann irgendwann nur mal eben „beim Ordnungsamt nachgefragt, ob er eine Genehmigung habe, sein Sammelsurium zeigen zu dürfen.“ Terwitte dazu: „„Wir haben in dieser Stadt Regeln. Es gibt eine Straßennutzungsordnung, die für alle gilt. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?“ Wie zynisch und selbstherrlich muss man sein, um einem Obdachlosen seine Existenzgrundlage zu gefährden? Kein Problem, für einen Auftritt beim hr-Fernsehen zum Thema Respekt reicht’s allemal.

Im Rahmen des Skandals um den Bischofssitz in Limburg und den damaligen Bischoff Terbartz-van-Elst beweist Terwitte allerdings wirklich Respekt – nämlich vor dem indiskutablen Bischoff und zwar in einem Interview mit dem „Domradio“ am 8. Oktober 2013 („Bruder Paulus nimmt Limburger Bischof in Schutz, Ein Kilometer Autobahn kostet 40 Millionen“). Terwitte wörtlich: „Meine Frage ist eher: Woher kommen die Kräfte, die ausgerechnet jetzt Bischof Tebartz van Elst in die Öffentlichkeit zerren?“ Kleiner Hinweis: Einen Bischoff muss man nicht in die Öffentlichkeit zerren, der steht kraft seine Amtes schon da. Und das umso mehr, wenn er mit einer ausgeprägten Vorliebe für Bling Bling von sich reden macht.

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Übrigens kann man Bruder Paulus sogar ein bisschen sprachlos machen. So bei einer Frage-Runde am 8. Februar 2012 mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 9a des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums in Frankfurt. Auf die Frage von Luise (14), wie man als unverheirateter Seelsorger auf Ehe- und Familienprobleme eingeht, bezeichnet sich Bruder Paulus als „Katalysator, der den Anstoß zu Lösungswegen gibt“. Naja, keine Antwort ist auch eine Antwort. „Bruder Paulus betont abschließend, er wolle niemanden mit seiner Botschaft binden, aber zum bewussten Umgang mit Treue, Glaube und dem Gebet anregen.“ Ein andere Meinung als seine gibt es halt nicht. (FNP: „Bruder Paulus auf den Zahn gefühlt“)

Schließen wollen wir die respektvollen Betrachtungen mit einem Zitat aus einem Podcast von Bruder Paulus: „Im Uranfang SEIN Talitakum als Kraftlicht gegen alle Finsternis des Irrtums“ – was immer das heißen mag …

Verstöße gegen das hr-Gesetz: fehlende Relevanz

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