Verstöße gegen das hr-Gesetz: 
direkte Beeinflussung

Kirchliche Kuckuckseier

Die verdeckte Einflussnahme auf redaktionelle Inhalte ist für Lobbyisten besonders attraktiv. Die Botschaften kommen als scheinbar objektive Tatsachen und unabhängig recherchierte Beiträge daher und sind so natürlich viel überzeugender als Werbung. Deshalb gibt es Produkt-Placement in Filmen und aus dem gleichen Grund zeigen uns Youtube-Stars, wie man sich die Zähne putzt, vorausgesetzt sie tun es mit der Zahncreme des Herstellers, der sie sponsort. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat die Religionsindustrie einen besonders angenehmen Partner gefunden: Sie kann ihre Meinung in redaktionellen Inhalten verbreiten (lassen) und muss im Gegensatz zum Zahncremehersteller nicht mal etwas zahlen. Also wirklich gar nichts: Während „normale“ Unternehmen mittlerweile ebenfalls zur Zahlung von Fernsehgebühren verdonnert wurden, macht man für Kirchen eine Ausnahme. Im Fünfzehnten Staatsvertrag zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge ist in § 5, Absatz (5) festgelegt: Ein Rundfunkbeitrag (…) ist nicht zu entrichten für Betriebsstätten, die gottesdienstlichen Zwecken gewidmet sind. Wenn das keine göttliche Fügung ist …

Aber, werden Sie sagen, verdeckte Einflussnahme im Fernsehen? Kann doch gar nicht sein. Im hr-Gesetz §3 heißt es schließlich: „Der Rundfunk ist Sache der Allgemeinheit. Er wird in voller Unabhängigkeit überparteilich betrieben und ist von jeder Beeinflussung freizuhalten. (…)  Nachrichten und Stellungnahmen dazu sind deutlich von einander zu trennen“. So weit die Theorie. Wie sehr Kirche Programm mitgestaltet, obwohl gar nicht Kirche draufsteht, zeigen die folgenden Beispiele aus der Praxis.

Wandervögel mit Missionierungsdrang

12.09.2017: In der Sendung „hallo hessen“, einem werktäglichen Ratgebermagazin, das – laut Selbstbeschreibung – „Hessen in seiner ganzen Vielfalt“ zeigt, gibt es einen rund 35-minütigen Beitrag mit dem Titel „Auszeit nehmen vom stressigen Alltag“. Darin wird berichtet, wie Studiogast Britta Laubvogel, nach persönlichen Schicksalsschlägen „das Pilgern für sich entdeckt“ und über eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation aufgrund dieser Aktivitäten berichtet.

Screenshot-HR-Seite_Ankuendigung

So harmlos kommt die kirchliche Werbung in der Ankündigung der Sendung daher.

Frau Laubvogel wird als Pfarrerswitwe vorgestellt, die auf „Anraten einer Freundin“ zum Pilgern kam, „heute leitet sie sogar Pilgergruppen“. Es folgen Hinweise auf den Lutherweg und andere Pilgerwege in Hessen. Als Experte fürs Pilgern kommt später Kirchenredakteur und Theologe Klaus Hofmeister hinzu, der auch über Aufenthalte im Schweigekloster referiert. Moderiert wird die Sendung von Andrea Ballschuh, die ebenfalls eigene Erfahrungen im Schweigekloster beisteuert.

hr_laubvogel_2

Pilgert nicht nur privat: Pfarrerswitwe Britta Raubvogel

Was der Zuschauer nicht erfährt

Frau Laubvogel und der hr haben ein kleines, schmutziges Geheimnis: Denn sie pilgert keineswegs nur privat oder leitet in ihrer Freizeit Pilgergruppen, wie es der Beitrag suggeriert. Zum Zeitpunkt der Sendung ist Britta Laubvogel Bildungsreferentin im Evangelischen Dekanat Wetterau und unter anderem als Ansprechpartnerin für Pilgertouren des Begegnungszentrums Sonneck in Marburg tätig. Die Pilgertouren werden durch das Begegnungszentrum kommerziell angeboten. Frau Laubvogel ist also in Wirklichkeit ein waschechter PR-Profi und macht in dem Beitrag ganz klar Werbung in eigener kirchlicher Sache.

Screenshot_Dekanat-Wetterau

Wer hätte das gedacht: Frau Laubvogel arbeitet (zum Zeitpunkt der Sendung) hauptberuflich beim Evangelischen Dekanat Wetterau

Darüber hinaus war Frau Laubvogel zum Zeitpunkt der Sendung ehrenamtliches Vorstandsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft Biblische Frauenarbeit“, einer Mitgliedsorganisation der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), die einen klar missionarischen Kurs verfolgt (Die Arbeitsgemeinschaft hat sich mittlerweile aufgelöst). Dazu der Generalsekretär der DEA, Hartmut Steeb: „Die Anhänger sollten in Parteien mitarbeiten und dort biblisch-ethische Wertmaßstäbe bewusst einbringen“; sie sollen bereit sein „zur Übernahme öffentlicher Verantwortung in Haus, Schule, Betrieb, Bezirksbeirat, Stadtrat, als Schöffe …“; „den Mund auftun im persönlichen Umkreis, im Unterricht, im Betrieb, bei Veranstaltungen, im Gespräch mit politisch Verantwortlichen“; „Leserbriefe an Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkanstalten und Fernsehsender schreiben“. Es gehe darum, „dass sich unsere Gesellschaft zur ,christlichen Leitkultur‘ stellt“. Ein weltanschaulich neutraler Staat habe keine gute Zukunft. „Werteungebundene Toleranz macht Deutschland zum gefundenen Fressen einer auf Expansion und Aufrichtung einer islamischen ,Gottes-Staat-Ideologie‘ ausgerichteten islamischen Weltsicht.“ Herr Steeb kann zufrieden sein, Frau Laubvogel hat in der Sendung diesen Auftrag vorbildlich erfüllt.

Werbeveranstaltung statt Qualitätsjournalismus

hr_laubvogel_1

Drei, die sich einig sind: Kirchenredakteur Hofmeister, Pilgerin Laubvogel und Redakteurin Ballschuh

Betrachtet man die Sendung vor diesem Hintergrund, ergibt sich ein ganz neues Bild: Zwei Kirchenvertreter – Frau Laubvogel und Herr Hofmeister – spielen sich gegenseitig die Bälle zu, fleißig unterstützt von Moderatorin Ballschuh, die weniger moderiert als vielmehr ihrer Begeisterung freien Lauf lässt. So nennt sie das Pilgern „eine Methode, Menschen zu erreichen, die mit der Kirche nichts zu tun haben“ und bezeichnet es als „Vorraum der Religion“.

Das eigentliche Thema der Sendung „Auszeit vom Stress“ wird so quasi en passant umfunktioniert in eine Werbeveranstaltung fürs Pilgern. Die PR-Verantwortlichen im Evangelischen Dekanat Wetterau dürften sich die Hände gerieben haben: Das war 1A-Werbung für die Kirche mit öffentlich-rechtlichem Segen. Der Nutzer hat Journalismus bestellt und bekommt stattdessen eine Werbeveranstaltung serviert. Na dann, wohl bekomm’s …
https://www.ardmediathek.de/tv/hallo-hessen/hallo-hessen-ganze-sendung/hr-fernsehen/Video?bcastId=9537582&documentId=45867930, 3:15 bis 22:09 und 50:21 bis 1:09:33

Verstöße gegen das hr-Gesetz: fehlende Relevanz

Verstöße gegen das hr-Gesetz: einseitige Darstellung

Verstöße gegen das hr-Gesetz: Bruder Paulus Spezial

Kirchenvertreter im hr-Rundfunkrat

Kirche im hr-Programm