Von Umweltsau-Omas und Sternsingern

sternsinger-WebsiteManchmal, nur manchmal sagen auch Politiker*innen richtige Dinge. So zum Beispiel Armin Laschet, nordrhein-westfälischer Ministerpräsident (CDU). In einem unverhofft einsichtigen Moment schrieb er auf Twitter: „Niemals dürfen Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden.“ Sehr gut erkannt, Applaus. Allerdings bezog er sich nicht – wie man meinen könnte – auf die Anfang Januar allerorts ausschwärmenden kirchlichen Drückerkolonnen namens Sternsinger, sondern auf den WDR-Kinderchor und das vom Chor gesungene Lied „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“. Jetzt kann man über diese Satire denken, was man will, aber wo Laschet Recht hat, hat er Recht: Kinder für politische Interessen einzusetzen, wenn sie Inhalt und Ausmaß ihres Tuns nicht erfassen können, ist zumindest fragwürdig. 

Nun gibt es dazu auf der Internetseite des Kinderchores eine Stellungnahme der Chorleitung. Dort heißt es u.a. „Als die Anfrage zusammen mit Text und Lied aus der WDR 2 Redaktion kam, konnten die Kinder und Eltern freiwillig entscheiden, an dem Projekt teilzunehmen. Es gab keinen Zwang und es wurde niemand instrumentalisiert. (…) Den teilnehmenden Kindern wurde erklärt, was die Parodie bezwecken soll: Mit Überspitzung und Humor den Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn nehmen.“ Nun kann man von Kindern sicher nicht verlangen zu beurteilen, was eine gute Satire ist und was eher nicht. Und vielleicht hätte man den Text des Liedes geschickter schreiben können, indem man nicht nur die Omas, sondern auch die Papas, Mamas und die Kinder selbst mit aufs Korn nimmt. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Im Vergleich zur Sternsingeraktion nimmt sich das alles aber vergleichsweise eher banal aus.

Denn bei den Sternsingern sind mit allen Wassern gewaschene Profis am Werk. Hinter ihnen stehen das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Das Kindermissionswerk sorgt dafür, „dass die den Sternsingern anvertrauten Spenden über fachkundig begleitete Hilfsprojekte bedürftigen Kindern in der Welt zugute kommen. Unsere Partner dabei sind vor allem die Ortskirchen in Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika und im Vorderen Orient.“ Wir übersetzen mal: Die Aktion dient dazu, Geld zu sammeln für die missionarisch orientierte Arbeit der katholischen Kirche weltweit. Und ist dank der Kinder ausgesprochen erfolgreich: 50 Millionen kamen bei der Aktion 2019 zusammen, seit 1959 ist es bereits eine Milliarde.

Sicher wird mit dem Geld auch viel Gutes getan, Leid gelindert, keine Frage. Aber die katholische Kirche tut dies nicht so selbstlos, wie wie vorgibt. Mit Hilfe der Sternsinger-Spenden sorgt sie auch dafür, dass sie ihre Präsenz in ärmeren Ländern massiv ausweiten und Menschen dort in ihrem Sinne indoktrinieren kann. In der Satzung des Kindermissionswerks wird man etwas deutlicher: „Gemeinnützige Zwecke im Sinne dieser Satzung sind die Unterstützung von Projekten, die die religiöse, soziale und kulturelle Entwicklung der Kinder fördern sowie die Förderung von Kinderprojekten der Entwicklungszusammenarbeit.“ Es ist zu vermuten, dass die Förderung der religiösen Entwicklung vor allem in eine Richtung geht.

Ob das die Sternsänger*innen alles so in Gänze durchblicken, darf sicher bezweifelt werden. Letztendlich werden sie bei dieser Aktion genauso, wenn nicht noch deutlich skrupelloser instrumentalisiert als die kleinen Sänger*innen vom WDR-Kinderchor. Und weil man Kindern, die anderen Kindern in Not helfen wollen, nur schwer was abschlagen kann, werden auch die Menschen, an deren Türen sie klingeln, massiv manipuliert. Da gibt manch einer halt den Zehner und freut sich über den Enthusiasmus der Kinder, auch wenn er mit Kirche eigentlich nix am Hut hat. Vielleicht sollte Herr Laschet auch darüber mal nachdenken. Aber für einen überzeugten Katholiken, der meint, Christen sollten sich mehr zu Gehör bringen, wenn sie ihren Glauben durch Witze verletzt sehen, ist das möglicherweise etwas zu viel verlangt.

Wer gern für Kinder in Not spenden möchte, kann das auch weltanschaulich neutral tun, z.B. bei

Quellen
www.wdr-kinderchor.de
www.sternsinger.de/sternsingen/traeger-der-aktion/
www.sternsinger.de/ueber-uns/satzung/
de.wikipedia.org/wiki/Armin_Laschet
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/armin-laschet-der-markenkern-der-cdu-ist-nicht-das-konservative-a-1194097.html
http://www.kath.net/news/16601

Gute Aussichten für Religionsfreie

In zwei Tagen schreiben wir das Jahr 2020, aber politisch ist Deutschland noch immer eine Kirchenrepublik wie in den 50-Jahren des letzten Jahrhunderts. Mandatsträger*innen nahezu aller Parteien sind kirchlich engagiert, in Rundfunkräten und der Ethikkommission sind Vertreter*innen der Kirchen nicht nur offiziell aktiv, sondern auch als „U-Boote“ unter fremder Flagge präsent und über die Medien tun Vertreter*innen aller Religionen laufend ihre Meinung zu allen möglichen Themen kund – ganz so als hätte sich in den letzten 50 Jahren in Sachen Religion nichts geändert in der Gesellschaft. 

torte2018_5Hat sich aber. Tatsächlich gibt es bereits seit einiger Zeit beim Thema Religion eine mehr als deutliche Abstimmung mit den Füßen. Jahr für Jahr sinken die Mitgliederzahlen der beiden christlichen Kirchen und die Zahl der Konfessionslosen steigt – trotz Zwangsmitgliedschaft durch Kindertaufe und staatlich sanktionierter Indoktrination namens Religionsunterricht. Mittlerweile (Stand 21.12.2018) sind 37,8 Prozent der Bundesdeutschen konfessionslos, das sind 31,4 Millionen Menschen. Nur noch 25,5 Prozent aller Deutschen sind Mitglied in der evangelischen Kirche, 27,7 Prozent sind es bei der römisch-katholischen Kirche. Beide christliche Kirchen sind jeweils um 0,5 Prozent geschrumpft auf zusammen 53,2 Prozent. Die Gruppe der Konfessionslosen ist seit 2017 um 0,8 Prozent gewachsen. Erweitert man den Blick auf die letzten vier Jahre, so ist die Zahl der Kirchenmitglieder seit 2015 um insgesamt 2,8 Prozent zurückgegangen, während die Konfessionslosen um 1,8 Prozent zugelegt haben. Die Zahl der konfessionsgebundenen Muslime stieg im selben Zeitraum von 4,4 auf 5,1 Prozent. 

Projiziert man diese Entwicklung weiter in die Zukunft, ist voraussichtlich spätestens 2025 weniger als die Hälfte der Bundesbürger*innen noch Mitglied in einer der beiden christlichen Kirchen, während mehr als 40 Prozent konfessionsfrei sind. Es ist also absehbar, wenn Kirchenvertreter*innen sich nicht mehr auf die Mehrheit der Bevölkerung berufen können. Spannender hingegen ist die Frage, wann die ersten Politiker*innen merken, dass Kirchenhörigkeit nicht automatisch Wählerstimmen bringt …

In diesem Sinne wünschen wir ein spannendes und erfolgreiches Jahr 2020!

Zum Nachlesen:
https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-2018
https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2017

Gruppe der Konfessionsfreien auch 2017 weiter gewachsen

Die gute Nachricht zum Jahresende: Nach der Bestandsaufnahme der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) waren 2017 bereits 37 Prozent der Menschen in Deutschland konfessionsfrei bzw. ohne Religionszugehörigkeit. Das ist ein Plus von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die beiden großen Kirchen büßten dagegen weiter Mitglieder ein: Die römisch-katholische Kirche kommt nur noch auf 28,2 Prozent (minus 0,3 Prozent), die EKD-evangelische Kirche lag 2017 bei 26 Prozent (minus 0,5 Prozent). Zusammen machen sie damit nur noch 54 Prozent aus. Gründe sind neben dem Bestattungsüberschuss (Bestattungen minus Taufen) vor allem die nach wie vor sehr hohen Austrittszahlen, welche die Zahl der Wiedereintritte bei weitem übertreffen.

„Bleiben diese Trends erhalten oder verstärken sich sogar (…), so werden die Kirchenmitglieder der beiden großen Kirchenverbände voraussichtlich in den Jahren 2022/2023 den Anteil von 50 Prozent der Bevölkerung in Deutschland unterschreiten.“

Mehr dazu hier: Religionszugehörigkeiten in Deutschland 2017 (fowid.de)

Es ist höchste Zeit für eine unabhängige Untersuchungskommission

Unter dem Titel

Ackermanns Frechheit
Es ist höchste Zeit für eine unabhängige Untersuchungskommission

http://www.taz.de/Kommentar-Missbrauch-in-Kirchen/!89962/

hat Matthias Katsch einen Kommentar zu den Vorgänge im Bistum Trier und dem Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal geschrieben.

Und wie lange will sich die Gesellschaft noch gefallen lassen, dass eine Institution sich in dieser Weise selbst aufklärt?

Bis heute wissen wir nicht, wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs es wo innerhalb der weitverzweigten Katholischen Kirche in Deutschland gegeben hat. Während in Irland, Österreich oder zuletzt den Niederlanden Kommissionen im staatlichen Auftrag die Untersuchung vorantrieben, stochern wir hierzulande immer noch im Nebel.

Die Gesellschaft sind wir alle. Fragen Sie doch einfach mal ihren Bundestagsabgeordneten. Sie finden ihn hier: http://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete17/index.jsp