Wissenschaft, mon amour – eine Liebestragödie in 3 Akten

Seit einigen Monaten sind Deutschland und der Rest der Welt gezwungen, sich mit dem Coronavirus auseinanderzusetzen. Neben all den anderen Dingen, die wir in dieser Zeit quasi von jetzt auf gleich lernen mussten – Wie geht das mit der Videokonferenz über Skype? Was mache ich, wenn mein Klopapier alle ist? Wie setze ich die Maske richtig auf? – hatten viele Mitmenschen anscheinend auch zum ersten Mal näheren Kontakt mit dem wissenschaftlichen Denken. Und wie das bei Beziehungen so ist, kann man verschiedene Stadien ausmachen, die aufgrund der rasanten Pandemie-Situation im Zeitraffer abliefen. 

Erster Akt

Man ist hin und weg, schwerstens verknallt. In dieser Phase kann der oder die andere einfach nichts verkehrt machen. Ein Volk ist verliebt in seine Virologen. Endlich Leute, die Bescheid wissen, einen sicheren Hafen bieten im Meer des Unbekannten, Bedrohlichen. Einen Virologen als Kanzler, wer hätte da nein gesagt? Ob Drosten, Streek oder Fauci, die Menschen hängen an ihren Lippen, wollen Kinder von ihnen. Aber die rosaroten Wolken lichten sich irgendwann und dann …

Zweiter Akt

… schaut man genauer hin. Und stellt fest: Die wissen ja auch nicht alles! Und sie widersprechen sich, nicht nur der eine dem anderen, sondern auch der eine und der andere sich selbst. Vor einer Woche keine Maske, jetzt auf einmal doch?! Kinder sind kaum ansteckend, Kinder sind genauso ansteckend wie Erwachsene … Ja, was denn nun? Das Vertrauen schwindet, Zweifel kommen auf, das Volk ist irritiert. So hat man sich das mit der Wissenschaft aber nicht vorgestellt. Wenn die nicht wissen, was Sache ist, wer denn dann? Ratlosigkeit, und …

Dritter Akt

… Enttäuschung. Und auf Enttäuschung folgt bekanntlich Liebesentzug. Auftritt: die Verschwörungstheoretiker. Endlich wieder klare Ansagen. „Die“ sind schuld. Je nach persönlicher Geschmacksrichtung sind „die“ Bill Gates, die Reptiloiden oder – wie immer – Merkel. Irgendjemand muss schließlich schuld sein. Es muss eine einfache Lösung geben. Vergiss die Wissenschaft, die labern doch nur rum. Wenig vertrauenswürdig, die ganze Bagage. Blender. Machen alles komplizierter als es ist. Und kommen immer mit ihrem „Wir haben noch nicht genügend Fakten“-Blabla. Der Attila H. erklärt uns die Welt und der tut auch endlich mal was. Finale, Vorhang, zweite Welle …

Und was lernen wir daraus? Wer von Wissenschaftlern Erleuchtung erwartet, wird enttäuscht werden. Wissenschaft bedeutet, Dinge in Frage zu stellen. Hypothesen aufzustellen und sie kritisch zu prüfen. Wer wissenschaftlich arbeitet, lernt jeden Tag etwas dazu. Was gestern richtig war, kann morgen falsch sein, wenn sich die Fakten geändert haben, wir mehr und neue Daten haben und neue Hypothesen aufstellen. Denn Wissenschaft ist eben keine Religion. Sie basiert auf der Bereitschaft, lieb gewonnene Überzeugungen aufzugeben, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Das kann weh tun, gehört aber dazu. Vielleicht hätte man das dem Volk vorher sagen sollen. Womit wir beim Thema Bildung und Naturwissenschaften wären. Aber das ist eine andere Geschichte …