Alle Jahre wieder II: Tanzen verboten

Kevin Kühnert hat sich zum Thema geäußert, Wolfgang Thierse (ehemaliger Bundestagspräsident, kennt den noch jemand?) auch und natürlich Uwe Becker (Frankfurter Kirchendezernent, den kennt bestimmt keiner): Es geht – mal wieder – um das Tanzverbot an Ostern. Während Juso-Chef Kühnert für eine Aufhebung des Verbots ist: „Wer am Karfreitag in die Disco will, sollte das tun können“, sieht das Thierse, langjähriges Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und Sprecher des Arbeitskreises „Christen in der SPD“ überraschenderweise ganz anders: „Die SPD ist keine Spaß-Partei.“ Dem können die „Säkularen Sozialdemokraten“ in der SPD sicher zustimmen. Sie versuchen seit Jahren, als Arbeitskreis erkannt zu werden – so wie übrigens die Christen, Muslime und Juden in der SPD. Doch dies lehnt der Parteivorstand ab, mit der Begründung, die strikte Trennung von Staat und Kirche sei nicht die Position der SPD. Die Gründerväter und -mütter dürften mal wieder im Grabe rotieren.

CDU-Mann Uwe Becker schließlich, als einziger Kirchendezernent bundesweit eh ein Unikum, lässt auch dieses Jahr wieder den Hardliner raushängen: Er fordert „Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer“. Wer trotzdem tanzen lässt, dem droht ab Donnerstag ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro. Frei nach dem Motto: Wenn ich traurig bin, hast Du nicht(s) zu lachen.

Dabei kann Becker zufrieden sein, denn Hessen ist beim Tanzverbot bundesweit Spitze: Tanzen verboten gilt ab Gründonnerstag, 4 Uhr, durchgängig bis Karsamstag um 24 Uhr sowie am Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis12 Uhr. Discos dürfen zwar öffnen, aber keine Musik spielen. Ebenso verboten sind Veranstaltungen unter freiem Himmel, übrigens auch Sportveranstaltungen. Bremen hingegen sieht das besonders locker: Hier darf lediglich am Karfreitag zwischen 6 Uhr und 21 Uhr nicht getanzt werden. Und selbst im katholischen Bayern geht es entspannter zu: Am Karfreitag kann in München trotz Tanzverbots gefeiert werden: Der “Bund für Geistesfreiheit München“ lädt zur Veranstaltung „Heidenspaß-Party“ im Club „Blitz“ ein. Möglich macht das ein gerichtliches Urteil des Bundesverfassungsgerichts, in dem es heißt, dass an Karfreitag eine geplante Party stattfinden darf, sofern der Tanz „Ausdruck einer weltanschaulichen Abgrenzung gegenüber des Christentums“ sei. Und auch in Stuttgart wird dieses Jahr erstmals öffentlich „Das Leben des Brian“ gezeigt – wenn auch nur bei geschlossenen Fenstern und Türen. 

Interessant wie immer sind die Argumente für das Tanzverbot: Zum einen kommt der Hinweis, dass man doch an einem Tag im Jahr auch mal nicht tanzen gehen kann. Dann gibt es die Aussage, es sei halt ein kirchlicher Feiertag, das habe man gefälligst zu respektieren. Und zum Schluss kommt die Forderung: Wer tanzen will, kann auch arbeiten gehen. Leider geht alles am eigentlichen Thema vorbei. Natürlich kann ich auch mal einen Tag nicht tanzen, aber das würde ich dann schon gern selbst entscheiden, welcher das ist. Wer mitternächtens in einem Club tanzt, stört niemanden. Und damit ist klar: Hier geht es in Wirklichkeit um Macht. Die Kirchen, die „jeden Tag so viele Menschen verlassen wie in einen Intercity-Express reinpassen“ (Lale Akgün, Sprecherin der Säkularen Sozis), klammern sich an jedes ihrer Privilegien, vom Religionsunterricht übers Glockenläuten zu Unzeiten bis zum Tanzverbot.

Die eigentliche Frage ist: Wie wollen wir in einer weltanschaulich diversen und zunehmend säkularen Gesellschaft zusammenleben? Natürlich sollten säkulare Menschen (die übrigens auch religiös sein können) andere Weltanschauungen respektieren – und das tun sie auch. Kevin Kühnert möchte zu Ostern explizit keine Disco in einer Kirche anmelden (Disco-Gottesdienste machen die Kirchen übrigens gern auch mal selbst, als verzweifelten Versuch, neue Mitglieder zu werben). Das in manchen Gegenden zu Ostern übliche Glockengeläut mitten in der Nacht können wir Säkulare problemlos akzeptieren – das unmotivierte Gebimmel zu jeder Nachtstunde als Markierung des öffentlichen Raumes hingegen nicht. 

Besonders bizarr ist aber die letzten Aussage, Ungläubige sollten an christlichen Feiertagen gefälligst arbeiten gehen. Hier sei der Hinweis erlaubt, dass es sich um gesetzliche Feiertage handelt. Diese sind historisch gewachsen, und wie man am neuen Berliner Feiertag, dem Tag der Frauen am 8. März, sehen kann, durchaus dem Wandel unterworfen. Am 1. Mai gehen heutzutage auch nur die wenigsten für Arbeitnehmerrechte demonstrieren und Himmelfahrt ist wohl den meisten eher als Vater- oder Herrentag bekannt. Gesetzliche Feiertage muss man sich eben nicht durch Wohlverhalten verdienen, sie sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsens. Und in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft kann man über bestehende religiöse Feiertage durchaus mal nachdenken. Schließlich gibt es einige weltanschaulich neutrale Gedenktage, die sich gut als Ersatz eignen für christliche Feiertage, deren Sinn nicht einmal mehr die Gläubigen kennen: Tag der Menschenrechte, Europa-Tag, Tag der Umwelt, Darwins Geburtstag … Hierzu gibt es übrigens auch in der säkularen Szene durchaus unterschiedliche Meinungen: Manche möchte einfach die gesetzlichen Feiertage in zusätzliche Urlaubstage umwandeln, andere würden gern denen einen oder anderen religiösen Feiertag durch einen säkularen Feiertag ersetzen.

Ich persönlich finde gemeinsame Feiertage wichtig für eine Gesellschaft und kann mit Weihnachten und Ostern ganz gut leben. Letztendlich beruhen sie auf uralten jahreszeitlichen Anlässen wie Wintersonnenwende und Fruchtbarkeitsfesten. Häschen, Bienchen und Blümchen haben daher meinen Segen. In diesem Sinne: Frohes Hasenfest, genießt den Frühling, geht tanzen (wenn Ihr könnt) oder auch nicht, aber lasst es Euch gut gehen!

Quellen:
https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-04/tanzverbot-karfreitag-stille-feiertage-ostern-regeln
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_85603580/kuehnert-ueber-tanzverbot-am-karfreitag-wer-tanzen-will-sollte-das-tun-.html
https://www.deutschlandfunk.de/religionspolitik-der-spd-kein-herz-fuer-saekulare-sozis.886.de.html?dram:article_id=444771
https://www.fr.de/frankfurt/karfreitag-stadt-frankfurt-will-tanzverbot-durchsetzen-12200280.html

Alle Jahre wieder. Oder: Was macht so ein Atheist eigentlich an Ostern?

Pünktlich zu den hohen christlichen Feiertagen passiert es: Irgendwer kommt in irgendeiner Redaktionskonferenz auf die originelle Idee, dass man doch mal ganz weltanschaulich neutral an das Thema rangehen und einen Atheisten fragen könnte, wie der denn so Weihnachten oder Ostern feiert. Und nun ist es also wieder so weit: Das hr Fernsehen sucht einen Atheisten in Nordhessen, der Lust hat, mal zu zeigen, wie Ostern so läuft bei ihm oder ihr, mit Eiern oder ohne. Und eigentlich ist schon diese Anfrage eine Zumutung. Welchen Erkenntnisgewinn erhofft man sich hier? Möchte man bizarre atheistische Festbräuche entdecken? Oder die Atheisten beim Ostereierausblasen erwischen, um dann festzustellen, haha, die haben ja gar keine eigenen Ideen, haben alles von uns Christen geklaut? 

Nun ja, wenn man genau hinschaut, gibt es tatsächlich nicht so viele Unterschiede. Und das mit dem Klauen ging eher anders herum. Aber dazu später mehr. Fakt ist: Atheisten gehen Ostern nicht in die Kirche, ebenso wenig wie die Mehrheit der Kirchenmitglieder. So planten 2015 nur ein Fünftel der Protestenten und ein gutes Viertel der Katholiken zu Ostern einen Kirchenbesuch. Zur Erinnerung: Wir sprechen hier vom höchsten kirchlichen Fest. Nach Angaben der EKD gingen 2016 am Karfreitag (dem höchsten protestantischen Feiertag) ganze 4,1 Prozent der Kirchenmitglieder in einen Gottesdienst. Das heißt, eins von 25 evangelischen Kirchenmitgliedern findet am höchsten Feiertag seiner Kirche den Weg selbige. Die Katholiken sind da etwas engagierter.

Für  ein Drittel der Kirchenmitglieder ist das Wichtigste zu Ostern, dass die Familie zusammenkommt. 19,3 Prozent geben das lange Wochenende als das Highlight der Osterfeiertage an und für immerhin 17,3 Prozent steht die Auferstehung Christi im Mittelpunkt. Bis auf den letzten Punkt können wir uns als Atheisten hier problemlos anschließen. Und das ist jetzt keine Überraschung, denn Ostern ist wie Weihnachten ursprünglich ein jahreszeitliches Fest und wurde von den Christen für ihre eigenen Zwecke gekapert. Häschen, Eier und bunte Blumen stehen für Fruchtbarkeit und zeigen, was Ostern eigentlich ist: ein Frühlingsfest. Das Ding mit der Auferstehung lässt sich da so lala gut andocken: Die Natur erwacht zu neuem Leben, der Herr steht auf. Passt schon irgendwie.

Doch bei all den Eiern und Häschen sollten die Menschen doch nicht zu fröhlich werden, finden die Kirchen. Und so schauen die Gläubigen und Ungläubigen, die an dem langen Osterwochenende gern das Tanzbein schwingen möchten, in die Röhre. Denn in Hessen gilt das strengste Feiertagsgesetz in ganz Deutschland: Die Ostertage – beginnend am Gründonnerstag – sind praktisch durchgängig so genannte stille Feiertage. Das heißt, Tanz- und Sportveranstaltungen sind verboten, auch wenn sie im Keller stattfinden und keiner außerhalb etwas davon mitbekommt. Ein bisschen Verzicht und Selbstkasteiung sollte schon sein. Um es klar zu sagen: Atheisten wollen keine Osterprozession stürmen oder ähnliches, sie möchten einfach nur feiern dürfen. Davon sollte sich eigentlich keiner der 17,3 Prozent, für die die Auferstehung Christi das Wichtigste ist, gestört fühlen. Aber bei der Kirche geht es eben nicht um leben und leben lassen, sondern um Macht und die Definitionshoheit über den öffentlichen Raum.

hasenfestNun wird diese Diskussion doch schon sehr politisch und unbequem und das ist sicher nicht das, was der hr bei seiner Anfrage im Sinne hatte. Atheisten werden gern genommen als folkloristisches Beiwerk und Beweis dafür, dass man ja weltanschaulich total offen ist. Aber wenn es darum geht, über Veranstaltungen oder Pressemitteilungen von säkularen Organisationen zu berichten oder sich mit ihren Forderungen auseinanderzusetzen, hört das Interesse des hr dann auch ganz schnell wieder auf. Für den Rest des Jahres verschwinden die Atheisten wieder in der Versenkung und die Kirche regiert das hr Programm (mehr dazu hier: Gott und der hr). Ernst nehmen sieht anders aus.

In diesem Sinne: Haltet die Ohren steif und genießt das Hasenfest!

 

Quellen:

https://www.ekd.de/Gottesdienst-Zahlen-Daten-EKD-17289.htm
https://www.welt.de/politik/deutschland/article13810418/Protestanten-vergeht-die-Lust-am-Kirchenbesuch.html
https://www.deutschlandfunk.de/gottesdienste-laaaangweilig.886.de.html?dram:article_id=385213
https://fowid.de/meldung/kirchganghaeufigkeit-deutschland-1980-2016
https://yougov.de/news/2015/04/05/ostern-katholiken-sind-die-fleissigeren-kirchgange/
https://civey.com/pro/unsere-arbeit/trend/sonstige/ostern-versus-weihnachten-weniger-kirche-weniger-geschenke-familienfest
https://www.dehoga-hessen.de/branchenthemen/hessisches-feiertagsgesetz-tanzverbot/
https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/tanzverbot-an-karfreitag–was-ist-in-welchem-bundesland-erlaubt–7411990.html
https://www.bento.de/politik/tanzverbot-2019-wo-und-wie-lange-clubs-an-karfreitag-geschlossen-bleiben-a-00000000-0003-0001-0000-000002223250

 

Wie und wo beleidigt man Gott

In Deutschland drohen für blasphemische Äußerungen oder Tätigkeiten bis zu drei Jahre Haft, wenn diese geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu stören. So festgelegt im § 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsvereinigungen). Ab wann der öffentliche Friede gestört ist, bleibt Ansichtssache. Anders in den Niederlanden, Norwegen, Island und Irland: Dort wurden die Blasphemiegesetze in den letzten Jahren abgeschafft. Weniger tolerant sieht es in einigen islamischen Ländern aus: In Afghanistan, Iran, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien und Somalia droht Verurteilten sogar die Todesstrafe. Eine aktuelle Übersicht über die Blasphemigesetzgebung weltweit gibt dieser Artikel auf fowid.de:

https://fowid.de/meldung/blasphemie-gesetzgebungen-weltweit

Und hier finden Sie eine kleine Zusammenstellung von Blasphemievorwürfen in Deutschland.

 

100 Jahre Staatsleistungen – 100 Jahre Missachtung der Verfassung

Die Weimarer Reichsverfassung (WRV) – die erste demokratische Verfassung Deutschlands – wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern. Vor allem für die Kirchen. Denn sie profitieren seit 100 Jahren davon, dass die sogenannten Staatsleistungen, die eigentlich laut Art. 138 Abs. 1 der WRV längst hätten abgelöst werden müssen, bis heute bestehen. Und ordentlich Geld in die klammen Kirchenkassen spülen: Jedes Jahr erhalten die Kirchen von den Bundesländern (mit Ausnahme von Bremen und Hamburg) rund 500 Millionen Euro. 

Dabei ist der Verfassungsauftrag unmissverständlich: Die Staatsleistungen sind abzulösen, d.h. durch eine einmalige Entschädigungsleistung zu beenden. Das Grundgesetz bestimmt in Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 138 Weimarer Reichsverfassung (WRV):

„(1) Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.“

Bundesregierung und Parteien scheuen das Thema wie der Teufel das Weihwasser und sehen keinen Handlungsbedarf. Doch zum Verfassungsjubiläum regt sich Widerstand. Im Bündnis „BAStA – Bündnis altrechtliche Staatsleistungen abschaffen“ haben sich jetzt verschiedene säkulare und politische Organisationen zusammengeschlossen, um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Mit dabei sind u.a. auch die AG Säkulare Organisationen in Hessen. 

Mehr zum Thema Staatsleistungen und zu BAStA 

Jenseits der Opfergrenze – die Doppelmoral der CDU/CSU

Wenn man sich die aktuelle Politik der Parteien mit dem C im Namen anschaut, fragt man sich, wie es denn nun mit dem Schutz des Lebens eigentlich aussieht. Beim Kompromissvorschlag zur Neufassung des § 219a StGB steht der Schutz des ungeborenen Lebens nach wie vor an erster Stelle. Die Rechte der Frauen, die ungewollt schwanger werden, sind nebensächlich. Mit der perfiden Formulierung „Werbung für Schwangerschaftsabbrüche“ tut man so, als würden Frauen womöglich dazu verleitet werden abzutreiben, wenn Ärzte auf ihren Webseiten darüber informieren, dass und wie sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Nee, ist klar, frau streift durchs Internet, stößt auf die Website eines solchen Arztes und denkt sich: „Hey, klingt spannend, das möchte ich auch mal machen.“ Oder vielleicht: „Wow, so einfach ist das, na, dann verhüte ich doch einfach mal nicht.“ Dass Frauen auch verantwortungsvoll mit sich und ihrem Körper umgehen könnten, scheinen die christlichen Damen und Herren jedenfalls auszuschließen. 

In dem Zusammenhang ist es interessant, sich den § 219 StGB (Beratung der Schwangeren in einer Not- und Konfliktlage) mal im Wortlaut zu Gemüte zu führen:

„(1) Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen. Dabei muß der Frau bewusst sein, dass das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat und daß deshalb nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, daß sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt. (…)“

Für schwangere Frauen gibt es also eine zumutbare Opfergrenze. Meine – ganz persönliche – Meinung dazu ist: Ja, es gibt hier einen Interessenskonflikt. Ja, auch das ungeborene Leben verdient Schutz. Aber Frauen sind nicht einfach nur die Gefäße, die ein Kind austragen, das Zusammenspiel zwischen dem Organismus der schwangeren Frau und dem Ungeborenen ist komplex und beeinflusst dessen Entwicklung in vielfältigster Art und Weise. Eine Schwangerschaft ist eine Situation, welche die Frau in intimster Form betrifft. Die Lösung kann daher nicht sein, Frauen bewusst den Zugang zu notwendigen Informationen zu erschweren. Wer das tut, entmündigt Frauen und macht sie zu Bürgerinnen zweiter Klasse. Die radikalen Lebenschützer*innen lassen grüßen.

Ganz anders positionieren sich die C-Parteien beim zweiten aktuellen Thema, dem Tempolimit auf Autobahnen. Hier kann von einer zumutbaren Opfergrenze keine Rede sein, schließlich geht es um die „freie Fahrt für freie Bürger“. Man kann doch dem deutschen Autofahrer nicht zumuten, langsamer zu fahren, weil das vielleicht Leben rettet! Und wegen der Umwelt schon mal gleich gar nicht. Gegenüber der „Bild am Sonntag“ sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU): „Das Prinzip der Freiheit hat sich bewährt. Wer 120 fahren will, kann 120 fahren. Wer schneller fahren möchte, darf das auch. Was soll der Ansatz der ständigen Gängelung?“ 

Die Antwort ist ziemlich einfach: Leben retten. Geborenes Leben, um genau zu sein. Den Beweis, dass das funktioniert, gibt es auch schon: Auf der A24 in Brandenburg wurde 2002 auf einem 62 Kilometer langen Streckenabschnitt ein Tempolimit von 130 km/h eingeführt. Das Ergebnis ist ebenso eindeutig wie wenig überraschend: Die Zahl der tödlichen Unfälle sank um 57 Prozent von 838 auf 362 jährlich. Das sind 476 Menschenleben. Wie viele Menschenleben könnte man wohl jedes Jahr retten, wenn es bundesweit ein solches Tempolimit gäbe? Ist dieses Opfer zumutbar? Der christliche Verkehrsminister meint, nein. Wie er das mit seinem Glauben vereinbart, weiß nur er allein.

Im Zickzack durch die Weltgeschichte

Wer schon mal einen Newsletter oder ein Anschreiben formuliert hat, weiß: Der Anfang ist das Wichtigste. Da greift man als Texter*in gern mal zu Kreativtechniken, um seine Leser*innen zu fesseln und zum weiterlesen zu motivieren. Eine besonders beliebte Kreativtechnik besteht darin, zwei völlig unterschiedliche Dinge zu nehmen, und aus der Kombination der beiden Ideen zu generieren, z.B. indem man das eine als Metapher für das andere nimmt. Klappt super in Kreativ-Workshops. Klappt nicht ganz so gut beim hr-Kirchennewsletter.

kirchen-newsletter_kreativVon der Ablehnung des Brexit-Deals im britischen Unterhaus zur Hoffnung der hr-Kirchenredaktion, bei ihren Leser*innen für „inspirierende Momente für ein gutes Leben und verantwortliches Handeln“ zu sorgen, ist der Weg doch arg weit. Erinnert irgendwie an die amüsante SPON-Rubrik „In sieben Schritten – im Zickzack durch die Weltgeschichte“, bei der zwei beliebige Dinge A und B über sieben Schritte kausal miteinander verbunden werden, wobei A zum Beispiel eine fliegende Kuh und B Viagra sein kann. Sehr unterhaltsam und lehrreich.

Aber zurück zum hr-Kirchennewsletter. Vielleicht hat hr-Kirchenredakteur Lothar Bauerochse auch einfach nur eine Wette verloren. Dafür spricht auch der erste Teaser „Dem Leben auf der Spur“, in dem es von Metaphern und Redewendungen mit dem Wort „Spur“ nur so wimmelt und auch schon mal „Spur“ und „Spürsinn“ in einen Topf geworfen werden. Alte Texterweisheit: Manchmal ist weniger doch mehr. Aber lassen Sie sich gern selbst von der hr-Kirchenredaktion „inspurieren“ …

So weit, so lustig. Doch was hier einfach etwas zu weit hergeholt erscheint, hat beim hr Methode: Ganz gleich, um welches Thema es geht, es findet sich immer ein Anknüpfungspunkt, um kirchliche Anliegen daran aufzuhängen und so in das Programm zu bringen. Mehr dazu finden Sie in unserer Rubrik Gott und der hr

Für Säkulare eine Enttäuschung: der Koalitionsvertrag zwischen CDU und Bündnis90/Die Grünen

Der Koalitionsvertrag zwischen CDU und Bündnis 90/Die Grünen steht. Aus säkularer Sicht ganz sicher kein großer Wurf: Viel Wertschätzung von Religion und Kirchen findet sich dort, wenig bis gar keine Berücksichtigung säkularer Interessen.

So wird das „Bekenntnis zum „Staatskirchenverhältnis“ (gemeint ist wohl das Verhältnis von Staat und Kirche, die so genannte „hinkende Trennung“, wie der bestehende Zustand auch genannt wird, weil es sich eben nicht um eine echte Trennung handelt) ausdrücklich betont. Änderungen gegen den Willen der Kirchen sind von dieser Koalition kaum zu erwarten, denn man setzt auf „eine lebendige Partnerschaft mit den Kirchen und Glaubensgemeinschaften“ und will „gesellschaftliche Fragen an die besondere Stellung der Kirchen in unserem Land (…) im  vertrauensvollen Dialog mit ihnen besprechen“.

Auch beim Thema Religionsunterricht wenig Neues: Zwar soll der Ethikunterricht flächendeckend gewährleistet werden, gleichzeitig findet sich im Koalitionsvertrag ein klares „Bekenntnis“ zum bekenntnisorientierten Religionsunterricht. Der islamische Religionsunterricht soll weiter ausgebaut werden – und so das aktuelle Konstrukt weiter zementieren.

Hier relevanten Stellen aus dem Koalitionsvertrag im Wortlaut:

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HR: Hessischer oder Heiliger Rundfunk?

Sendungen wie „Das Wort zum Sonntag“ oder die üblichen christlichen Mahnungen und Spendenaufrufe zu hohen Feiertagen dürften die meisten Rundfunksteuerzahler empfinden wie Parteiwerbung vor Wahlen: ein bisschen lästig, aber kein Grund zur Aufregung. Tatsächlich nutzen die Kirchen die öffentlich-rechtlich Sender wie den hr weit intensiver als es scheint als gefällige Verlautbarungsorgane ihrer Botschaften, und sind zudem finanziell und personell aufs Engste in Organisation und Programmgestaltung des hr eingebunden.

  • Von den 32 Mitgliedern im hr-Rundfunkrat vertreten 25 Prozent einen Religionsanbieter oder sind im Management von Kirchen tätig. Auch der umstrittene DITIB ist dort vertreten.
  • Rund 1850 Kirchensendungen werden alleine im hr-Hörfunk pro Jahr ausgestrahlt. Dazu ist der hr gesetzlich verpflichtet, die Finanzierung der Produktion bleibt dabei jedoch im Dunkeln.
  • In unzähligen Sendungen kommen Kirchenlobbyisten als Experten oder anonym als Otto Normalbürger zu Wort, religiöse Folklore vom Segensroboter bis zum Online-Gottesdienst gehören zum Dauerprogramm.

Aus einer umfassende Analyse des hr-Programms vor allem im „Lutherjahr“ haben wir Highlights zusammengestellt: Gott und der hr

Wahrheit, Liebe, Blablaba

Wer sich am zweiten Weihnachtsfeiertag in den Teletext des hr verirrte, staunte nicht schlecht. Allenthalben taten Kirchenmänner unwidersprochen und unkommentiert ihre Sicht der Dinge kund und man fragte sich, ob man vielleicht in einer Parallelwelt gelandet war. Eine kurze Analyse gibt Einblick in kirchliche Befindlichkeiten …

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Gruppe der Konfessionsfreien auch 2017 weiter gewachsen

Die gute Nachricht zum Jahresende: Nach der Bestandsaufnahme der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) waren 2017 bereits 37 Prozent der Menschen in Deutschland konfessionsfrei bzw. ohne Religionszugehörigkeit. Das ist ein Plus von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die beiden großen Kirchen büßten dagegen weiter Mitglieder ein: Die römisch-katholische Kirche kommt nur noch auf 28,2 Prozent (minus 0,3 Prozent), die EKD-evangelische Kirche lag 2017 bei 26 Prozent (minus 0,5 Prozent). Zusammen machen sie damit nur noch 54 Prozent aus. Gründe sind neben dem Bestattungsüberschuss (Bestattungen minus Taufen) vor allem die nach wie vor sehr hohen Austrittszahlen, welche die Zahl der Wiedereintritte bei weitem übertreffen.

„Bleiben diese Trends erhalten oder verstärken sich sogar (…), so werden die Kirchenmitglieder der beiden großen Kirchenverbände voraussichtlich in den Jahren 2022/2023 den Anteil von 50 Prozent der Bevölkerung in Deutschland unterschreiten.“

Mehr dazu hier: Religionszugehörigkeiten in Deutschland 2017 (fowid.de)