Egelsbacher Kreuze

 

Die Egelsbacher Kreuze

Darf eine Kirche auf öffentlichen Grund einfach drei über zwei Meter größe Holzkreuze aufstellen? Im südhessischen Egelsbach anscheinend schon. Aber muss man sich das als Bürger gefallen lassen? Und welche Rolle spielt dabei die Politik?
Eine Chronik der Ereignisse:

Herbst 2010
In den hessischen Herbstferien gestalten 45 Kinder im Rahmen einer „Kinderbibelwoche“ der Evangelischen Kirchengemeinde Egelsbach drei Holzkreuze (2,10 m hoch, 1,20 m breit). Diese werden auf Wunsch des Kirchenvorstandes in Absprache mit dem Gemeindevorstand auf drei zentralen Plätzen des Ortes aufgestellt. Wer genau im Gemeindevorstand an der Genehmigung zur Aufstellung beteiligt war, wann diese Entscheidung getroffen und wo sie dokumentiert wurde, ist unklar. Ebenfalls besteht keine Klarheit über die Kosten der Aufstellung: Zahlte die Gemeinde oder die Kirche?
Erste Stimmen in der Lokalpresse (Dreieich-Zeitung vom 28.10.2010) weisen darauf hin, dass Kreuze genauso wenig in den öffentlichen Raum gehören wie in Klassenzimmer („Kruzifix-Urteil“, vergl. BVerfG, Mitteilung vom 10.8.1995 – 32/95 Lexetius.com/1995,498) und besser auf kirchlichem Grund und Boden aufgestellt würden.
Zwei der drei Kreuze werden bis Jahresende mehrfach beschädigt und von einem ortsansässigen Schreiner repariert. Es ist der Öffentlichkeit bis heute unklar, wer die Kreuze beschädigt hat und wer die Kosten für die Reparatur übernahm.

Ursprüngliches Kreuz Rodelberg mit Blick auf Spielplatz

Frühjahr 2011
Pfarrer Martin Diehl schreibt dazu im „Gemeindebrief“ März/April/Mai 2011:
„Wir geben aber die Hoffnung nicht auf, dass beide Kreuze irgendwann an ihre ursprünglichen Standorte werden zurückkehren können. Bis dahin werden wir am Bruchsee und am Fernwanderweg einfache, schlichte Holzkreuze aufstellen. Zeichen unseres Glaubens und Zeichen dafür, dass wir uns dem Terror nicht beugen wollen. – Natürlich müssen wir nach unseren Erfahrungen befürchten, dass diese beiden Kreuze wieder Opfer der Gewalt werden. Aber dann trifft es eben nicht die Seelen der Kinder…“

22. März 2011
Der Egelsbacher Bürger Peter M. Radebach-Opitz schreibt einen Brief an den Gemeindevorstand mit der Frage, wer die Aufstellung der Kreuze genehmigt habe und weist auf die weltanschauliche Neutralität des Staates hin. Um die Konfrontation auf dem Rücken der Kinder zu beenden schlägt er vor, die Kreuze auf kirchlichem Grund aufzustellen.

30. April 2011
Zwei kompakte, etwas kleinere und schlichtere Holzkreuze werden in einer Prozession durch den Ort getragen und ersetzen die reparierten, ursprünglichen: Diese werden an der Kirche mit Blick auf den öffentlichen Marktplatz wieder aufgestellt. Inzwischen „schmücken“ nun fünf neue Kreuze den Ort.

29. Mai 2011
Peter M. Radebach-Opitz hat seit zwei Monaten nichts vom Gemeindevorstand gehört und schreibt einen Erinnerungsbrief direkt an Bürgermeister Rudi Moritz.

7. Juni 2011
Der Bürgermeister antwortet: Der Gemeindevorstand habe die Aufstellung der Kreuze im öffentlichen Raum gebilligt. Eine Neutralitätspflicht, „sofern sie in diesem Fall überhaupt bestünde, wurde nicht verletzt.“ Begründet wird diese Aussage nicht. Es wird auch nicht benannt, aus welchen Gründen die Genehmigung denn überhaupt erfolgte.

20. Juli 2011
Peter M. Radebach-Opitz beantragt beim Gemeindevorstand, die Genehmigung zur Aufstellung der Kreuze wieder zurückzunehmen:
„Bei den drei genannten Stellen handelt es sich um von den Menschen in der Gemeinde stark frequentierte, bisher in keiner Weise religiös oder anderweitig genutzte öffentliche Plätze. Jene Bürger, die einen neutralen öffentlichen Raum schätzen, sind nun gezwungen, eine auffällige Markierung dieser Plätze durch religiöse Symbole zu dulden. Die Präsenz der Kreuze kann nicht einfach ignoriert werden, sie definiert diese Plätze als religiöse Orte und schafft den Eindruck, die Kirche hätte ein vorrangiges Recht auf deren Gestaltung und Nutzung. Im Rahmen einer offenen, freizügigen und multikulturellen Nutzung dieser Plätze ist es aber kontraproduktiv, diese Orte einseitig religiös zu markieren und zu besetzen.“
Er schlägt vor:
„Der öffentliche Raum sollte ein angenehmer, gleichberechtigter Aufenthaltsort für alle Bürger sein. Eine Aufstellung der Kreuze in der Nähe der Evangelischen Kirche oder auf anderen kircheneigenen Grundstücken würde die Neutralität des öffentlichen Raumes nachdrücklich achten und damit der Pluralität und der kulturellen und demokratischen Vielfalt der Gemeinde viel besser zu Gesicht stehen.“

10. Oktober 2011
Knapp drei Monate nach Antragstellung erfolgt eine kurze Antwort des Gemeindevorstandes: Es sei „noch keine abschließende Entscheidung“ getroffen worden. Ein konkretes Datum dafür wird nicht genannt.

Dezember 2011
Im „Gemeindebrief“ Dezember 2011/Januar/Februar 2012 schreibt Pfarrer Martin Diehl:
„Wir sind nicht der Meinung, dass es gut wäre, die Kreuze am Bruchsee, am Fernwanderweg und auf dem Rodelberg im Brühl einfach abzubauen. Andererseits wollen wir keinen „Krieg ums Kreuz“. Denn immer dann, wenn das Kreuz in der Geschichte zum Machtsymbol wurde, geschah Furchtbares. (…) Die Kreuze sind kein Selbstzweck. Sie sind Ausdruck der Botschaft, der wir Christen uns verpflichtet fühlen.“

16. Januar 2012
Peter M. Radebach-Opitz hat auch nach über fünf Monaten keine abschließende Antwort vom Gemeindevorstand und wendet sich mit seinem Anliegen an Presse und Fernsehen.

18. Januar 2012
Ein erster Artikel erscheint in der Offenbach Post (OP):
„Kirchenkreuze werden zum Streitthema“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/kirchenkreuze-streitthema-egelsbach-1566249.html
In den Blogs der OP und durch anonyme Telefonanrufe wird Radebach-Opitz ab diesem Zeitpunkt wüst beschimpft und beleidigt: „Man sollte Sie ans Kreuz nageln!“, „Ziehen Sie weg!“, „Solche Leute brauchen wir hier nicht!“, „Soziopath“, „Friedens-Hetzer“…
Eine öffentliche Stellungnahme zu diesen Vorfällen seitens der Evangelischen Kirchengemeinde oder des Gemeindevorstandes erfolgt nicht.

20. Januar 2012
Der Hessische Rundfunk berichtet in der Sendung „maintower“ über die Egelsbacher Ereignisse, ebenfalls die „Offenbach-Post: „Kirchenkreuz-Debatte: Honka ist schockiert“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/kirchenkreuz-debatte-honka-schockiert-1568888.html
(Hartmut Honka ist Landtagsabgeordneter der CDU für Dreieich, einem Nachbarort von Egelsbach)

26. Januar 2012
Artikel in Dreieich Zeitung: „Kritik an Kreuzen im öffentlichen Raum“

Ersatz-Kreuz kompakt am Anglersee und Grillh_tte

27. Januar 2012
Offenbach-Post: „Mit Rechtsnormen unvereinbar“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/rechtsnormen-unvereinbar-kirche-kreuz-debatte-egelsbach-1577536.html

9. Februar 2012
Anfrage des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), Landesverband Hessen, an die Evangelische Kirchengemeinde und die Gemeindeverwaltung Egelsbach wegen der im Rahmen der Kreuzaufstellung entstandenen Kosten. Bis heute wurden die Anfragen trotz mehrfacher Nachfragen nicht beantwortet.

19. Februar 2012
Die Brights Deutschland (http://brights-deutschland.de/) gehen mit einer Online-Petition im Internet live http://www.ipetitions.com/petition/egelsbach_crosses/:
„Ende 2010 gestattete die Gemeindeverwaltung von Egelsbach (Hessen) die Aufstellung dreier Kreuze von 2,10 m Höhe auf öffentlichen, von den Einwohnern stark frequentierten Plätzen. Nach unserer Kenntnis ist diese Genehmigung zeitlich unbeschränkt.
Die Installation der Kreuze bedeutet nicht weniger, als dass öffentlicher Raum dauerhaft durch religiöse Symbole dominiert wird. Einzelnen Gruppen bevorzugte Repräsentationsmöglichkeiten einzuräumen und ihnen dafür öffentlichen Grund und Boden zur Verfügung zu stellen stellt eine Missachtung der Grundregeln demokratischer Kultur dar. Noch mehr verletzt es die in Deutschland grundgesetzlich verankerte Trennung von Kirche und Staat und widerspricht dem demokratischen Recht aller Bürger auf Gleichbehandlung durch staatliche Institutionen.
Wir respektieren den Wunsch der evangelischen Kirche, die eigene Weltanschauung nach außen hin zum Ausdruck zu bringen. Jedoch sollte der öffentliche Raum ein neutrales Gebiet sein, das nicht dauerhaft durch weltanschauliche Symbole markiert wird. Er sollte vielmehr einen neutralen Rahmen bilden, in dem Bürger aller Weltanschauungen sich frei bewegen und sich in gleicher Weise wertgeschätzt fühlen können.
Im Sinne eines sichtbaren Bekenntnisses zu Pluralität und Gleichbehandlung aller weltanschaulichen Gruppen schlagen wir vor, dass die Kreuze umgesetzt und auf kirchlichem Grund und Boden aufgestellt werden. Es ist sicherlich möglich, sie auch dort öffentlich zugänglich zu platzieren, so dass sie weiterhin ihrem Zweck dienen können.
Wir appellieren daher an die Gemeindeverwaltung von Egelsbach, die Genehmigung für das Aufstellen der Kreuze zurückzuziehen.“
Die Petition wird unterstützt vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten http://www.ibka.org/, von den Laizistischen Sozis www.laizistischesozis.eu und Brights Central http://www.the-brights.net/. Bis Ende März wurde die Petition knapp 300mal unterzeichnet, darunter auch von Daniel Dennett, einem führenden US-amerikanischen Philosophen und von Michael Schmidt-Salomon, dem Publizisten und Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung.

1. März 2012
Artikel in Dreieich-Zeitung: „Unterschriften gegen Egelsbacher Kreuze“

3. März 2012
Offenbach-Post: „Warten aufs Kreuze-Machtwort“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/kirchenkreuz-debatte-podiumsdiskussion-flach-1642973.html

13. März 2012
Der Egelsbacher Gemeindevorstand kündigt eine Entscheidung an. Er will sich aber vorher noch mit der Evangelischen Kirche, die eine Einladung ausgesprochen hat, abstimmen. Eine eigene, gleichberechtigte Anhörung beider „Parteien“ – etwa im Rathaus – ist nicht beabsichtigt.
Offenbach-Post: „Kreuz-Streit: Entscheidung frühestens Anfang April“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/kreuz-streit-entscheidung-fruehestens-anfang-april-egelsbach-1882270.html

30. März 2012
In einem Brief an Peter M. Radebach-Opitz schreibt der Egelsbacher Bürgermeister Moritz, man hoffe, im Mai „diesen Jahres“ über den Antrag von Radebach-Opitz aus dem Juli vergangenen Jahres befinden zu können. Die Aufstellung der Kreuze wird überraschender Weise zur „künstlerischen Aktion“ deklariert, deren Bedeutung durch die Mediendiskussion „gesteigert“ wurde. Und nun – wieder überraschend – sieht der Bürgermeister sogar „verfassungsrechtliche Fragen“ betroffen. Aus diesem Grund habe man ein Rechtsgutachten beim Hessischen Städte- und Gemeindebund angefordert. Dies sei „komplexer und dauert seine Zeit“. Erst wenn dieses Gutachten vorläge, wolle man entscheiden.

8. Mai 2012
Peter M. Radebach-Opitz erfährt von einem bei ihm recherchierenden Journalisten der Lokalpresse, dass der Gemeindevorstand am 3. Mai inzwischen in Absprache mit dem Kirchenvorstand einen Beschluss gefasst hat:
„Das Kreuz am Bruchsee wird abgebaut, das auf dem Rodelberg wird zur Kirche heimgeholt, die Halterungen bleiben erhalten, um bei besonderen Gelegenheiten die Kreuze wieder temporär aufstellen zu können, und es werden Infotafeln zu den Kreuzen aufgestellt. Das Kreuz am Fernwanderweg soll als Wegkreuz stehen bleiben.“
Der Beschluss ergeht mit der knappen Mehrheit von 4:3 Stimmen im Gemeindevorstand. Eine weitere Beschlussvorlage zu dieser Sache, alle Holzkreuze seitens der Evangelischen Kirchengemeinde rückstandslos abzubauen und zu entfernen, wird mit 3:4 Stimmen verworfen. Mit stimmberechtigt: Noch-Bürgermeister Rudi Moritz, der im März abgewählt wurde, aber noch bis Anfang Juni im Amt bleibt.

10. Mai 2012
Artikel in Dreieich Zeitung: „(Fauler?) Kompromiss im Kreuz-Streit in Sicht“

11. Mai 2012
Artikel in OP: „Fragwürdiger Kreuz-Kompromiss“
http://www.op-online.de/nachrichten/egelsbach/kirchenkreuz-kompromiss-egelsbach-fragwuerdig-debatte-holzkreuze-2312906.html
In einer E-Mail wird Peter M. Radebach-Opitz von Pfarrer Diehl über eine gemeinsame Erklärung des Kirchenvorstandes und der Gemeinde informiert:
„Der Kirchenvorstand der Evangelischen Kirchengemeinde Egelsbach hat gemeinsam mit Frau Bettermann (Gemeindevorstand, SPD) einen Kompromissvorschlag zur Frage der umstrittenen „Kreuze im öffentlichen Raum“ erarbeitet, den sich der Gemeindevorstand der Gemeinde Egelsbach zu Eigen gemacht hat:
Das Kreuz auf dem Rodelberg wird abgebaut und zu den beiden anderen KiBiWo –Kreuzen vor die Kirche gestellt. Das Kreuz am Bruchsee wird abgebaut. Die Fundamente und Halterungen der beiden Kreuze bleiben erhalten. Zu bestimmten Zeiten werden die Kreuze an diesen Orten wieder aufgestellt. Das Kreuz am Fernwanderweg in den Wingerten bleibt als Wegkreuz an seinem Ort stehen.
Natürlich hätte die Kirchengemeinde auf ihrem Recht – nämlich der einmal erteilten Genehmigung zur Errichtung der KiBiWo-Kreuze an diesen Standorten – beharren können. Der Kirchenvorstand hat entschieden, das nicht zu tun. Warum? Weil das Kreuz kein Symbol der Macht und des Kampfes werden darf. Zu keinem Zeitpunkt war das gewollt. Es war zu jedem Zeitpunkt klar: Dann wird alles falsch.
Denn das Kreuz ist und bleibt ein Symbol der Ohnmacht. Es erzählt die Geschichte dessen, der aus der Welt heraus gedrängt wird. Christen wissen, dass er grade dadurch die Welt überwunden hat.“
Natürlich ist es die Aufgabe der christlichen Kirchen, ihren Glauben öffentlich zu zeigen und zu bekennen. Aber eben nicht so, dass das von anderen Menschen als bedrängend und „übergriffig“ empfunden wird. Es war nie die Absicht – weder auf dem Rodelberg, noch am Bruchsee – Plätze „besetzen“. Genauso aber hat Peter Radebach-Opitz (und mit ihm auch andere) das empfunden. Das Zeugnis des christlichen Glaubens soll aber befreiend und nicht bedrängend zu den Menschen gelangen.
Dem Gemeindevorstand der Gemeinde Egelsbach war daran gelegen im Konflikt um die Kreuze im öffentlichen Raum eine Lösung gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde zu finden, die es beiden Seiten erlaubt, ihr Gesicht zu wahren.
Der Gemeindevorstand ist sich bewusst, dass dieser Kompromiss vom Kirchenvorstand der Evangelischen Kirche viel Entgegenkommen fordert und er ist sich darüber im Klaren, dass auch die „radikal säkulare“ Forderung von Peter Radebach-Opitz nach vollständiger Entfernung der Kreuze aus dem öffentlichen Raum mit der gefundenen Lösung nicht zu 100% erfüllt ist. Gute Kompromisse tragen aber immer den Anspruch in sich, dass beide Seiten bereit sind von ihren Maximalforderungen Abstriche zu machen.

14. Mai 2012
Wolfgang Schäfer, Seitenbetreiber von brights-deutschland.de, übergibt die vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten http://www.ibka.org/, von den Laizistischen Sozis www.laizistische-sozis.eu und Brights Central http://www.the-brights.net/ unterstützte Petition mit 308 Unterschriften der Gemeinde Egelsbach.
Er führt aus:
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister Moritz, sehr geehrte Damen und Herren des Gemeindevorstandes,
am 19. Februar 2012 starteten die Brights eine Internetpetition mit dem Ziel, die Gemeindeverwaltung von Egelsbach dazu zu bewegen, die auf öffentlichem Grund in Egelsbach aufgestellten Kreuze von ihren Standorten zu entfernen und auf kirchlichen Grund umzusetzen. Die Brights sind eine internationale Bewegung von Menschen mit naturalistischem Weltbild, die sich für die gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung von Naturalisten weltweit einsetzen.
Kurz nach Start der Petition schlossen der Landesverband Hessen des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten e.V. (IBKA) sowie die Landgruppe Hessen der Laizistischen Sozis sich der Petition an.
Im Petitionstext, den Sie in der Anlage zusammen mit der Unterschriftenliste finden können, weisen wir darauf hin, dass die Aufstellung der Kreuze den Grundregeln einer demokratischen Kultur widerspricht, welche beinhalten sollte, dass der Staat sich in weltanschaulichen Belangen neutral verhält, alle Bürger gleich behandelt und keinesfalls symbolisch für eine bestimmte Weltanschauung Partei ergreift.
Wir appellieren nachdrücklich an die Gemeinde Egelsbach, diese demokratischen Spielregeln einzuhalten und die Aufstellung religiöser Symbole auf öffentlichem, d.h. im Eigentum des Staates befindlichen, Grund nicht zu gestatten.
Unter den 308 Unterzeichnern der Petition befinden sich Personen aus acht Nationen (Deutschland, USA, Belgien, Frankreich, Italien, Iran, Österreich, Schweiz), darunter Daniel Dennett, ein führender Philosoph aus den USA, und Michael Schmidt- Salomon, der Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung.
Wie wir der Tagespresse entnehmen, wurde jüngst versucht, einen Abbau von zwei der drei Kreuze als Kompromiss darzustellen. Gleichermaßen höflich wie nachdrücklich müssen wir Sie darauf hinweisen, dass die Neutralität des Staates in Weltanschauungsfragen keine banale Verhandlungsmasse ist. Eine Lösung jeglicher Art muss aus unserer Sicht beinhalten, dass keines der Kreuze sich mehr als Dauerinstallation auf öffentlich-staatlichem Grund und Boden befindet.
Wir möchten diesbezüglich unsere Hoffnung ausdrücken, dass alle Beteiligten mit der Idee eines neutralen öffentlichen Raumes nicht nur nolens volens Frieden schließen können, sondern diese darüber hinaus als echtes Zeichen gegenseitiger Achtung und Toleranz begreifen können.“
Bis heute erfolgte auf die Übergabe der Unterschriften keinerlei Reaktion der Gemeinde Egelsbach.
Artikel Frankfurter Neue Presse: „Kompromiss im Kreuz-Streit – Evangelische Kirche entfernt die christlichen Symbole“

18. Mai 2012
Fast genau zehn Monate nach seinem Antrag an die Gemeinde erhält Peter M. Radebach Opitz ein sehr knapp gehaltenes Schreiben von Bürgermeister Rudi Moritz, in dem ihm der bereits in der Vorwoche breit in der Presse diskutierte Beschluss des Gemeindevorstandes offiziell mitgeteilt wird, „vorbehaltlich der noch zu prüfenden Rechtslage“. Das im März beim Hessischen Städte- und Gemeindebund angeforderte Rechtsgutachten liegt immer noch nicht vor.

Restauriertes Kreuz II vor Kirche und Pfrarrhaus mit Blick auf Wochennmarkt mit Kirche

25. Mai 2012
IBKA Landesverband Hessen, Brights Deutschland, Laizistische Sozis Hessen und Piratenpartei Offenbach-Land verfassen einen gemeinsamen Offenen Brief an den Egelsbacher Bürgermeister:
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister Moritz,
wie wir – zunächst aus den Medien und nun auch durch Herrn Radebach-Opitz persönlich – erfahren haben, hat der Egelsbacher Gemeindevorstand eine Entscheidung zu den drei von der evangelischen Kirche auf Gemeindegrund aufgestellten Kreuzen getroffen. Laut gemeinsamer Erklärung von Gemeindevorstand und Kirchenvorstand hat der Gemeindevorstand dabei einen vom Kirchenvorstand und einem Mitglied des Gemeindevorstands erarbeiteten Kompromissvorschlag übernommen. Wir begrüßen es, dass nach mehrmaligem Vertagen nun eine Entscheidung getroffen wurde. Bedauerlich ist jedoch, dass der Gemeindevorstand keine eigene Position gefunden hat, sondern sich statt dessen den Vorschlag den Kirchenvorstands zu eigen gemacht hat und es offensichtlich als seine vorrangige Aufgabe angesehen hat, eine Lösung zu finden, die es „beiden Seiten ermöglicht, ihr Gesicht zu wahren“. Dass diese Entscheidungsfindung zudem komplett ohne Einbeziehung des betroffenen Bürgers stattgefunden hat, finden wir in höchstem Maße bedenklich. Wie schon bei der Genehmigung zur Aufstellung der Kreuze haben Politik und Kirche ihre Entscheidung in trautem Einvernehmen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefällt – Transparenz und Demokratie sehen nach unserem Verständnis anders aus. Gerade nach dem unglücklichen Vorgehen der Verwaltung in den letzten Monaten hätten Sie hier mit mehr Offenheit und Bürgernähe ein Zeichen setzen können.
Doch auch die Entscheidung selbst wirft einige Fragen auf. Wer Ihre Äußerungen in den Medien aufmerksam liest, stößt auf einen grundlegenden Widerspruch: Dort heißt es, der Gemeindevorstand sei auf das Entgegenkommen der Kirche angewiesen, da diese auf der einmal erteilten Genehmigung beharren könnte. Gleichzeitig erklären Sie gegenüber der Langener Zeitung auf die Frage, warum es für die Kreuze keine Baugenehmigung gibt, man sei davon ausgegangen, dass die Kreuze nicht lange stehen bleiben würden. Aus Ihrer Aussage ergibt sich also, dass der Gemeindevorstand der Kirche eine Genehmigung erteilt hat, die eigentlich befristet sein sollte und die nur aufgrund eines – wie auch immer zustande gekommenen Fehlers – nicht befristet war. Im Klartext bedeutet das: Der zukünftige Abbau der Kreuze war von vornherein geplant. Da die Genehmigung in direkter Absprache mit der Kirche erteilt wurde, ist davon auszugehen, dass dies auch der Kirche klar war. Wenn das so war, warum kann die von Anfang an gewollte Befristung jetzt nicht in gegenseitigem Einvernehmen umgesetzt werden? Warum tun Gemeindevorstand und Kirchenvorstand stattdessen so, als würde die Kirche mit dem Abbau von zwei der drei Kreuze ein außerordentliches Entgegenkommen zeigen? Uns drängt sich der Eindruck auf, dass die Kirche den echten oder vermeintlichen Fehler bei der Genehmigung (nämlich die fehlende Befristung) jetzt als Vorwand nutzt – mit mehr als billigender Zustimmung des Gemeindevorstands.
Besonders erschreckend finden wir Ihre Aussage gegenüber der Langener Zeitung, Sie hätten „keine Lust, nach der Pfeife eines einzelnen Mannes zu tanzen“ als Begründung dafür, dass Sie Herrn Radebach-Opitz weder bei der Meinungsbildung des Gemeindevorstands miteinbezogen noch ihn über Ihr Vorgehen informiert haben. Diese Äußerung zeugt nicht nur von mangelnder persönlicher Distanz Ihrerseits in der Sache, sie ist vor allem eines: falsch. Denn es handelt sich keineswegs um die persönliche „Kreuz-Phobie“ eines Einzelnen, sondern es geht um grundsätzliche verfassungsrechtliche Fragen, die auch über Egelsbach hinaus von Bedeutung sind. Dass Sie dies – wenn auch spät – erkannt haben, beweist das Einholen eines Gutachtens in dieser Frage beim Hessischen Städte- und Gemeindebund. Auf die Meinung der Gutachter sind wir gespannt und hoffen sehr, dass der Gemeindevorstand hier eine transparentere Informationspolitik betreibt als es bislang der Fall war.
Im Übrigen ist Ihnen natürlich bekannt, dass es in der Sache durchaus noch andere kritische Stimmen – in der Bevölkerung, im Gemeindevorstand wie auch in der Kirche selbst – gibt. Offensichtlich trauen sich aber viele Menschen in Egelsbach nicht, ihre „kreuzkritische“ Haltung öffentlich zu äußern – was angesichts der engen Verflechtung von Kirche und Politik in Egelsbach und der unglaublichen Äußerungen christlicher Mitbürgerinnen und Mitbürgern in den Kommentaren der Medien nicht wirklich verwundert. Hier hätten wir von Ihrer Seite ein klares Bekenntnis zu Meinungsfreiheit und Respekt gegenüber Andersdenkenden erwartet. Leider vergebens.
Zum Schluss noch eine Erinnerung in eigener Sache: Am 9. Februar haben Sie von uns eine Anfrage zur Aufstellung und Finanzierung der drei Kreuze erhalten. Am 22. Februar wurde uns per E-Mail eine baldige Beantwortung unserer Fragen durch Herrn Manfred Kraus zugesichert. Bis heute haben wir jedoch keinerlei Antwort erhalten. Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihr Wort halten würden. Zur Erinnerung fügen wir das Schreiben noch einmal bei.
Sehr geehrter Herr Moritz, wir sind überzeugt, dass die im Grundgesetz verankerte weltanschauliche Neutralität des Staates nicht einfach durch den Beschluss des Gemeindevorstands außer Kraft gesetzt werden kann. Sie stellt eine der grundlegenden Voraussetzungen für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben aller gesellschaftlichen Gruppen dar. Es geht uns nicht – wie von einigen angenommen – um das Entfernen sämtlicher religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum. Jede weltanschauliche Gruppierung muss die Möglichkeit haben, ihre Überzeugungen auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Staat hat sich hierbei jedoch weltanschaulich neutral zu verhalten. Eine befristete Aufstellung der Kreuze oder auch ein Aufstellen der Kreuze zu speziellen Anlässen wären eine Möglichkeit hierzu gewesen. Die jetzt von dem Gemeindevorstand getroffene Entscheidung mit ihrer unterschiedlichen Behandlung der Kreuze im Ortskern und am Wanderweg ist inhaltlich nicht nachvollziehbar und lässt sich nicht mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates vereinbaren.
Wir rufen Sie und den Egelsbacher Gemeindevorstand daher auf, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken: Nur die zeitnahe Umsetzung aller drei Kreuze auf kirchlichen Grund entspricht dem ursprünglichen Willen des Gemeindevorstands und steht in Einklang mit der vom Grundgesetz garantierten weltanschaulichen Neutralität des Staates, der Sie als Vertreter aller Bürgerinnen und Bürger verpflichtet sind.“
Bis heute gibt es keinerlei Reaktion von Bürgermeister Moritz oder des Gemeindevorstandes auf diesen Offenen Brief.

30. Mai 2012
Peter M. Radebach-Opitz erhält den momentan letzten von zahlreichen anonymen Briefen:
„Es gibt überhaupt keinen Grund, die Kreuze wegzumachen! Hier ist ein christliches Land. Wenn Sie die Kreuze nicht wollen, ziehen Sie doch von hier weg! Solche Anti- hristen wie Sie brauchen wir hier nicht! Mit Ihnen kann man kein Gespräch führen, weil Sie so von sich eingenommen sind. Was Sie haben, sind keine Argumente! Sie spinnen sich etwas zusammen und jeder soll nach Ihrer Pfeife tanzen! Sie sind für mich ein Heuchler und ein Lügner!“

Anfang Juni 2012
Pfarrer Martin Diehl berichtet im „Gemeindebrief“ Juni/Juli/August 2012 „Der Kirchenvorstand hat beschlossen, dass die drei Kreuze im öffentlichen Raum so nicht stehen bleiben sollen.“ Auf die sachlichen Argumente der „Neutralitätsbefürworter“ geht er mit keinem Wort ein und befasst sich einzig und allein mit den vermeintlichen Motiven der Sachbeschädiger:
„Natürlich ist es unsere Aufgabe als Christen, unseren Glauben öffentlich zu zeigen und zu bekennen. Aber eben nicht so, dass das von anderen Menschen als „übergriffig“ empfunden wird. Wir wollten (keine) Plätze „besetzen“. Genau so aber haben einige das empfunden. Das Zeugnis des christlichen Glaubens soll aber befreiend und nicht bedrängend zu den Menschen gelangen. (…) Wir müssen im Kirchenvorstand immer wieder überlegen: Wie soll es weiter gehen mit den drei Kreuzen. Wir haben zwei von ihnen ausgetauscht und am Karfreitag 2011 vor unserer Kirche aufgestellt. Einfach um das liebevolle Werk der Kinder vor weiteren Zerstörungen zu schützen. Wir haben uns intensiv mit den Motiven junger Menschen beschäftigt, die aus Kreuzen Hakenkreuze machen und tote Hühner dran nageln. Wir haben Manches gelernt über die Symbolsprachen von Neonazis, von Neu-Germanen und von Satanisten. Aber schon im Herbst 2010 haben wir sehr bewusst darauf verzichtet, die Kreuze mit Kameras überwachen zu lassen. Es durfte zu keinem Zeitpunkt ein „Kampf ums Kreuz“ entstehen. Zu keinem Zeitpunkt durfte aus bunten Kinderkreuzen ein Machtsymbol werden.“

Juni 2012
Der neue Bürgermeister Jürgen Sieling tritt sein Amt an. Er findet die gesamte Entwicklung in der Kreuze-Angelegenheit unglücklich und lässt offen, inwieweit hier noch Änderungen ergeben können.
Das Gutachten des Hessischen Städte- und Gemeindebundes liegt mittlerweile vor. Es kommt zu dem Schluss, dass „das Aufstellen der Kreuze auf gemeindeeigenen, öffentlichen Flächen damit nach hier vertretener Auffassung bei Beachtung der genannten Kriterien zulässig (ist).“ Auch „die gemeindliche Förderung derartiger Vorhaben ist also unter Beachtung dieser Grundsätze sowohl finanziell als auch logistisch möglich.“ Natürlich immer unter Wahrung der Gleichbehandlung der religiösen/weltanschaulichen Gruppen.
Rechtlich scheint die Gemeinde aus dem Schneider zu sein. Und das Problem der fehlenden Baugenehmigung für die ursprünglichen Kreuze, die mit einer Höhe von 2,10 m baugenehmigungspflichtig waren, wird umgegangen, indem diese einfach zum Kunstobjekt umgewandelt wurden – die dürfen nämlich bis zu 4 Meter hoch sein.

November 2012
Es ist still geworden um die Kreuze. Das erste Kreuz am Rodelhügel ist mittlerweile abgebaut.

kreuz-egelsbach-rest

Die Halterungen fürs Kreuz – statt Stein des Anstoßes jetzt „nur“ noch Stolperfalle.

Dezember 2012
Alle drei Kreuze sind verschwunden. Einzig eine Halterung am ehemaligen Standort am Bruchsee ist noch erhalten. Ganz in alter Egelsbacher Tradition gibt es zum Hintergrund der „Heimholung“ keinerlei Informationen – am allerwenigsten an den Egelsbacher Bürger Peter M. Radebach-Opitz, der die Geschichte vor fast eineinhalb Jahren nicht nur ins Rollen brachte, sondern mit seiner Standhaftigkeit auch ein Beispiel setzt für säkularen Bürgersinn.

Lesen Sie hier die Egelsbacher Kreuze-Chronik als PDF.