Ruhebedürfnis und Glockengeläut

 

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Ansprechpartner: Hagen Stieper (hagen.stieper@gottlosenstammtisch.de)

Ich lebe in 100 Meter Luftlinie von einer evangelisch-lutherischen Kirche entfernt. Mit dem liturgischen Geläut zum Gottesdienstaufruf, zu Hochzeiten und Beerdigungen kann ich ja zu Not noch leben.

Aber: Das viertelstündliche Zeitschlagen an 7 Tagen in der  Woche, von 6 bis 22 Uhr ist nicht mehr auszuhalten (In anderen deutschen Regionen, in der Schweiz und in Österreich soll es gar Orte geben, wo die Kirchen ihre Nachbarschaft die ganze Nacht belärmen).

Ich habe diversen Christen schon angeboten, ihnen eine Uhr zu schenken. Wollten sie nicht (ich hätte ihnen sogar gezeigt, wie man die Uhr abliest).

Umwelt-Amt und Ordnungsamt sehen keinen Bedarf, ebenso wenig die etablierten Parteien in Ortsbeirat und Römer.

Das Bundesumweltamt antwortet nicht einmal.

Deutsche Gerichte schmettern Klagen gegen das Läuten regelmäßig ab (Lediglich bei der nächtlichten Beschallung scheint langsam ein Wandel in Sicht).

Das Glockengeläut der christlichen Kirchen, insbesondere das (viertelstündliche) Zeitschlagen

  • ist lästig
  • macht krank
  • verstößt gegen die religiöse Selbstbestimmung Anders- und Nichtgläubiger

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

„Niemand darf wegen … seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Artikel 3.3) Und in Artikel 2.2: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“

In der Hessischen Landesverfassung steht:

Niemand darf gezwungen oder gehindert werden, an einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder religiösen Übung teilzunehmen … (Artikel 48.2).

Deutsche Gerichte sehen das jedoch anders. In ihrem Bemühen, Klagen gegen Glockenlärm abzuschmettern, konstruieren sie die seltsamsten „Begründungen“:

Zum Einen wird das Glockenläuten

„bezogen auf das Empfinden eines verständigen Durchschnittsmenschen, nicht auf die individuelle Einstellung eines besonders empfindlichen Nachbarn“,

zum Zweiten die Tradition, denn:

„Das kultische Glockengeläut ist eine jahrhundertealte kirchliche Lebensäußerung, die, wenn sie sich nach Zeit, Dauer und Intensität im Rahmen des Herkömmlichen hält, auch in einer säkularisierten Gesellschaft bei Würdigung der widerstreitenden Interessen hinzunehmen ist.“

Und

„muss daher von sich gestört fühlenden Einzelpersonen oder Personengruppen – auch unter dem Gebot gegenseitiger Toleranz – als sozialadäquat ertragen werden“  (Urteil  des 7. Senats vom 7. Oktober 1983 – BVerwG 7 C 44.81, auf dieses Urteil berufen sich seitdem andere Gerichte in „Glockenprozessen“)

Toleranz besteht demnach darin, Belästigung zu akzeptieren und nicht darin, Rücksicht zu nehmen. Das Zeitschlagen der Kirchenglocken überschreitet regelmäßig an Sonn- und Feiertagen die – nach neuerer Lärmforschung ohnehin zu hoch angesetzten – Grenzwerte der TA-Lärm für Wohngebiete und die Nähe zu Kinderbetreuungseinrichtungen, Altersheimen und Krankenhäusern. Umgekehrt werden in den Feiertagsgesetzen der Länder kultische Handlungen der Kirchen – zu Recht – besonders vor Störungen geschützt. So z. B. § 12 des Hessischen Feiertagsgesetzes. Bedenklich ist allerdings, dass in § 13 auch das Grundrecht der Versammlungsfreiheit kurzerhand suspendiert wird.

Was die Tradition betrifft, so wurden andere „Traditionen“ mittlerweile gesetzlich abgeschafft, weil sie sich als sozial unverträglich erwiesen haben. Kinder dürfen nicht mehr geschlagen werden, und in Restaurants darf nicht mehr geraucht werden.

Bleibt der „verständige Durchschnittsmensch“. Bedeutet das in einem Land, in dem nicht einmal mehr 60 Prozent Christen verschiedener Konfessionen leben – wobei es in vielen konfessionellen Gemeinschaften keine Glockentürme gibt –, dass mindestens 40 Prozent der Bevölkerung als „überempfindliche Querulanten“ kein Recht haben, von „sozialadäquatem“ Nachbarschaftslärm nicht belästigt zu werden?

Gesundheitliche Aspekte von Glockenlärm

Tabelle: Lärmfolgen (Quellen: WHO: Burden of disease from environmental noise, 2011; Kanzlei Weiß & Partner, Esslingen: Nachbarrecht Teil 2, 2007; Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturzschutz Baden Württem-berg: Geräusche durch Glocken, Karlsruhe 2008; Leitfaden Wohnumfeld- und Freizeitlärm im Auftrag der Länderar-beitsgruppe Umweltbezogener Gesundheitsschutz (LAUG), Bremen 2010; IG Stiller)

Leitfaden Wohnumfeld- und Freizeitlärm (Stand: 25.06.2010) der Länderarbeitsgruppe Umweltbezogener Gesundheitsschutz (LAUG), Bremen 25.06.2010

Aus Wirkungsuntersuchungen zum … Lärm … sind gesundheitlich abträgliche Wirkungen des Lärms bekannt. Hierzu zählen Beeinträchtigungen der Kommunikation, der Konzentration, des Lernvermögens, bis hin zu ausgeprägten Störungen der Schlaf- und Erholungsphase, Herz-Kreislauf-Beschwerden und u. U. Hörschäden.

Die gesundheitlichen Auswirkungen speziell von Wohnumfeld- und Freizeitlärm sind bislang noch nicht vollständig erforscht. Grundsätzlich ist allerdings von (unter Umständen starken) Belästigungen auszugehen, die auch zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen oder diese verstärken können. …

Es kommt hinzu, dass durch menschliches Verhalten erzeugter Lärm in hohem Maße auch mit psychosozialen Wertungen (z.B. Abneigung gegen bestimmte musikalische Stilrichtungen oder die Wahrnehmung von Rücksichtslosigkeit der Lärmverursacher) verbunden ist. …

Es ist auch fraglich, ob sich für Wohnumfeld- und Freizeitlärm überhaupt allgemeingültige, naturwissenschaftlich abzuleitende Wirkungsschwellen festlegen lassen, da die situativen Bedingungen des Einzelfalls einen erheblichen Einfluss auf das Ausmaß der Belästigung und damit auch auf die gesundheitlichen Auswirkungen haben. Deshalb erfordert eine adäquate Beurteilung eine auf den Einzelfall bezogene Bewertung, in die gesundheitlicher Sachverstand einzubeziehen ist.

Im Grundsatz dienen rechtliche Regelungen wie das Bundes-Immissionsschutzgesetz, seine Verordnungen und die TA-Lärm auch dem Schutz vor Lärm, der im Wohnumfeld- und Freizeitbereich einwirkt. …

Sind spezialgesetzliche Regelungen nicht vorhanden, so sind die Ermessens- und Gestaltungsspielräume ungleich höher. In diesem Fall kann nur auf sehr allgemeine Bestimmungen wie das Ordnungswidrigkeitengesetz [OWiG 2009] zurückgegriffen werden.

Dann haben die örtlichen Behörden die Möglichkeit, aber auch die Pflicht, in Kenntnis der lokalen Umstände alle öffentlichen und privaten Belange sorgfältig abzuwägen.In dieser Abwägung muss zwingend auch der Schutz der Gesundheit adäquat berücksichtigt werden; dies erfordert, dass gesundheitlicher Sachverstand einbezogen werden muss. Hierdurch kann sowohl dem Anwohnerschutz als auch den öffentlichen Interessen Rechnung getragen werden. …

Bei den Schallwirkungen auf den Menschen ist zu unterscheiden zwischen auralen (also das Ohr bzw. Innenohr direkt betreffenden) und extraauralen (andere Körperorgane und –funktionen betreffenden) somatischen Wirkungen und den psychischen Wirkungen (Belästigungen) …

Wirkungen außerhalb des Gehörs (extra-aurale Wirkungen)

  • Änderungen physiologischer Parameter: Das Spektrum extraauraler Wirkungen umfasst u.a. zentralnervös ausgelöste Änderungen physiologischer Parameter, wie z. B. die Freisetzung von ACTH (adrenocorticotropes Hormon), Cortisol und Katecholaminen (Adrenalin, Norardrenalin), die Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdrucks, der Atmungsfrequenz, der Schweißsekretion, der Magensaftproduktion, die Vergrößerung der Pupillenfläche, die Erhöhung der Muskelspannung und die Verringerung der peripheren Durchblutung und des Hautwiderstandes [SRU 1999, 392]. Diese beobachtete Vielfalt der Reaktionen lässt sich durch physikalisch bestimmte Gegenregulationen des lärmbelasteten Organismus erklären. Vereinfacht dargestellt, führen Lärmbelastungen zunächst zu physiologischen Akutreaktionen im Sinne der Stresstheorie. Bei längerer Lärmbelastung entstehen überdauernde Veränderungen im Bereich des Blutdrucks, der Cortisol- und Katecholaminausschüttung u.a.m., denen Risikocharakter zugeschrieben werden kann. Diese lärmbedingten Funktionsänderungen bilden sich allerdings nur bei einem Teil der Belasteten aus. Wiederum nur für einen Teil der Lärmbelasteten, die solche überdauernden Funktionsänderungen entwickeln, setzt diese Parameterverschiebung einen Krankheitsprozess in Gang, der in seinem Verlauf stärkere Funktionsänderungen nach sich zieht und der in eine gesundheitliche Schädigung münden kann [Ortscheid 1996]. Insofern kann eine übermäßig hohe oder lang einwirkende Schallbelastung zu einer verstärkten Beanspruchung des Organismus „zu Lasten der notwendigen, ausgleichenden Phasen“ führen [SRU 1999, 396]. Lärm kann dann als Stressfaktor wirken und u.U. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Komplexes begünstigen, wobei sich die Stressreaktion nicht von der Wirkung anderer Stressoren unterscheidet.
  • Behinderung kommunikativer und kognitiver Vorgänge: Die akustische Kommunikation ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit und für die soziale Entwicklung. Störungen der Kommunikation führen zu einer Minderung des Wohlbefindens und werden sehr häufig bei Befragungen zur Lärmexposition genannt. Nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen besteht eine gute Sprachverständlichkeit bei normalhörenden Erwachsenen bei entspannter Sprechweise in Räumen üblicher Größe bei Störgeräuschpegeln, die 40 dB(A) nicht übersteigen [Kötz et al. 2000]. Für den Außenbereich unterstellt man geringere Erwartungen, Sprecher und Hörer werden größere Anstrengungen zugemutet. Mit Störungen der Kommunikation ist außerhalb von Gebäuden bei Mittelungspegeln von mehr als 50 dB(A) zu rechnen [Wende und Ortscheid 2003]. Bei zu hohen Störschallpegeln kann der für das Sprachverständnis und bei Kindern (bis ca. 11 Jahren) für das Erlernen der Muttersprache erforderliche Signal-Rausch-Abstand ggf. nicht mehr eingehalten werden. Entsprechend kann Lärm als Stressor direkt die Kommunikation (durch verminderte Sprach- bzw. Lautdiskriminierung) beeinflussen. Die Aufmerksamkeit und Konzentration (insbesondere in Lernprozessen) können zudem gestört und damit einerseits die Leistung an sich beeinflusst, und andererseits auch das soziale Verhalten beeinträchtigt werden, bis hin zur sozialen Isolation. „In Westeuropa zeichnet sich der Trend ab, dass die Zahl stark belästigter Bürger sinkt, die Zahl der weniger stark belästigten jedoch steigt. …“ Es gibt keinen Hinweis „auf eine Gewöhnung an die Belastungsquelle … Bleibt eine hohe Belästigung über längere Zeit bestehen, ist diese Beanspruchung als negativer Stress (Disstress) einzustufen.“ [SRU 1999, 410]. In der Regel ist dieser Stress durch das Einhalten von lärmarmen / lärmfreien Erholungsphasen kompensierbar.
  • Störung von Erholungsphasen und Schlafstörungen: Von zunehmender Bedeutung für die gesundheitliche Einordnung von Schallreizen (und damit auch für die Beurteilung ihrer Verträglichkeit) ist insofern deren negative Wirkung auf notwendige Erholungsphasen (besonders während des Schlafes). Für die menschliche Gesundheit hat ungestörter Schlaf eine besondere Bedeutung. Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Klagen in der ärztlichen Praxis [Wende und Ortscheid 2003]. Im Allgemeinen sind bei Mittelungspegeln (Leq 16 Stunden), innerhalb von Wohnungen, die nachts unter 25 dB(A) und tags unter 35 dB(A) liegen, keine nennenswerten Beeinträchtigungen zu erwarten. Diese Bedingungen werden bei geöffneten Fenstern (bei Annahme einer mittleren Schalldruckpegeldifferenz von 10 dB(A)) bei Außenpegeln nachts unter 35 dB(A) und tags unter 45 dB(A) sichergestellt [Bönnighausen et al. 2004]. Bei gekippten Fenstern (max. etwa 10 cm Öffnungsschlitz in Kippstellung) kann von einer 5 dB(A) bis 10 dB(A) höheren Schalldruckpegeldifferenz ausgegangen werden [FHB 2005; WHO 2007]. … Untersuchungen zeigen zudem, dass weit unterhalb von Aufwachreaktionen bereits die Zeitstruktur des Schlafes und die Schlafstadienverteilung gestört wird. „Informationshaltige Geräusche und starke Pegelschwankungen sind besonders ungünstig“[SRU 1999, 440]. Aus Sicht des Sachverständigenrates für Umweltfragen „ist nicht auszuschließen, dass die beobachteten Schlafstörungen langfristig Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können.“ Der Sachverständigenrat regt deshalb an, lärmbedingte Schlafstörungen aus präventivmedizinischen Gründen auch unterhalb der Aufwachschwelle zu vermeiden. Inzwischen hat die WHO in ihren „Night Noise Guidelines for Europe“ [WHO 2009] eine aktualisierte und erweiterte Bestandsaufnahme zur gesundheitlichen Bewertung lärmbedingter Schlafstörungen vorgenommen. Dabei hat sie sich speziell auch mit der Frage beschäftigt, welche sekundären gesundheitlichen Folgen aus Schlafstörungen oder Schlafentzug resultieren. Die Aufarbeitung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes verdeutlicht eindrücklich die weit reichende Bedeutung, die ein ungestörter Schlaf für das körperliche und seelische Wohlbefinden hat. Zu den gesicherten Auswirkungen von Schlafentzug gehören verhaltensbezogene Auswirkungen (Schläfrigkeit, Irritierbarkeit, Nervosität mit einer Tendenz zu depressiven oder aggressiven Verhaltensweisen), Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit (Lernverhalten, Kurzzeitgedächtnis, Schwierigkeiten, komplexe Aufgaben zu lösen und schlechte Reaktionszeit), neurologische und biochemische Auswirkungen (erhöhter Grundumsatz, erhöhte Schilddrüsenaktivität, Zuckerstoffwechsel) sowie Einschränkungen der Immunabwehr. Nachgewiesene Folgewirkungen chronifizierter Schlaflosigkeit schließen auf der Verhaltensebene verminderte berufliche Leistungsfähigkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, die auch zu vermehrten Unfällen führen, auf psychiatrischer Ebene Depressionen und chronische Angstzustände und auf medizinischer Ebene Diabetes, Übergewicht, Herzkreislauf-Erkrankungen und eine eingeschränkte Immunabwehr ein. In mehreren epidemiologischen Studien ließ sich bei einer habituellen Schlafdauer von unter 6 Stunden auch eine erhöhte Sterblichkeit nachweisen. Nach einer dieser Studien ist mit einer verkürzten Schlafdauer ein höheres Sterblichkeitsrisiko verbunden als mit Rauchen, hohem Blutdruck oder dem Vorliegen einer Herzerkrankung. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass besonders bei den verhaltensbezogenen und kognitiven Auswirkungen Kinder zu den Risikogruppen gehören. Schlafstörungen können zahlreiche Ursachen haben und nicht alleine auf Umwelteinflüsse zurückgeführt werden. Soweit Lärmbelastungen zu verminderter Schlafqualität und verkürzter Schlafdauer führen, ergibt der aktuelle Wissensstand aber indirekte Evidenz dafür, dass lärmbedingte Störungen der Nachtruhe grundsätzlich die genannten gesundheitlichen Folgewirkungen auslösen können. Über diese qualitative Bewertung hinausgehende Präzisierungen sind mangels geeigneter Datengrundlagen und aus methodischen Gründen derzeit nicht möglich. Die Frage, welche Expositionsbedingungen geeignet sind, diese gesundheitlichen Folgewirkungen auszulösen – dies hängt nicht nur von der Höhe der Schallpegel ab, sondern auch von der zeitlichen Verteilung der Lärmereignisse während des Schlafes und der Expositionsdauer – kann nur im Rahmen direkter Zusammenhangsuntersuchungen ermittelt werden, die weitgehend fehlen. Es ist davon auszugehen, dass manche der oben genannten Wirkungen erst nach einer längeren Expositionsdauer auftreten, während andere Wirkungen, insbesondere auf verhaltensbezogener und kognitiver Ebene, vermutlich schon nach kurzer Zeit auftreten. So wurde z.B. in einer Untersuchung an verunfallten Kindern festgestellt, dass Kinder in den Nächten vor dem Unfall weniger geschlafen hatten als in anderen Nächten. Dies spricht für einen bereits am Folgetag auftretenden Effekt eines verkürzten Schlafes. Auch kognitive Defizite treten schon nach wenigen Tagen eines Schlafdefizits auf. Auch wenn nicht für jeden Anwendungsfall Wirkungsschwellen abgeleitet werden können, sollten auf Grundlage der aktuellen Bewertung der WHO lärmbedingte Schlafstörungen in Hinblick auf die zu befürchtenden gesundheitlichen Folgewirkungen, die über eine (erhebliche) Belästigung hinausgehen, in administrativen Vorgängen grundsätzlich stärker berücksichtigt werden als bisher. Dabei ist auch zu beachten, dass die WHO in ihrer aktualisierten Bewertung von einer zu schützenden Schlafdauer von 8 Stunden ausgeht.
  • Lästigkeit: Die erlebte Lästigkeit eines Geräusches hängt u.a. vom Ausmaß des zeitlichen Abstandes (und damit einer geeigneten „Ruhepause“) zwischen zwei bzw. mehreren aufeinanderfolgenden Geräuschen ab. … Das Gehör nimmt fortwährend akustische Informationen auf. Sie werden von verschiedenen kortikalen und subkortikalen Strukturen gefiltert und analysiert. Stressreaktionen, die durch Lärm ausgelöst werden, sind deshalb auch Ergebnis der subjektiven Verarbeitung der Schallreize. Die Verarbeitung ist bestimmt durch die Qualität der Reize und hängt von der individuellen Reizschwelle des vegetativen Nervensystems ab [Ortscheid 1994]. Hierbei ist aus zahlreichen Studien anzunehmen, dass die Wahrnehmung der Lautstärke enger mit der psychoakustischen Größe „Lautheit“ als mit dem üblicherweise verwendeten Abewerteten Schalldruckpegel korreliert. Entsprechend wird diskutiert, dass der Schalldruckpegel eines Geräusches hinsichtlich seiner hervorgerufenen (physiologischen) Wirkung beim Hörer als Beschreibungsgröße nicht ausreicht. Insofern sollten noch weitere Geräuscheigenschaften zur Beurteilung hinzugezogen werden [Genuit und Fiebig 2007]. Hilfsweise kann allerdings vorerst angenähert gefolgert werden, dass grundsätzlich bei Mittelungspegeln über 55 dB(A) tags außerhalb der Häuser zunehmend mit Beeinträchtigungen des psychischen und sozialen Wohlbefindens zu rechnen ist.
  • Adversität: Bereits frühzeitig wurde im Rahmen toxikologischer Abschätzungen der Begriff „advers“ für eine ungünstige / gegenteilige Wirkung von Schadsubstanzen / Schadereignissen geprägt. Die Weltgesundheitsorganisation [WHO 1994] versteht unter einem „adversen Effekt“ bzw. einer „adversen“ Wirkung die „Veränderung in Morphologie, Physiologie, Wachstum, Entwicklung oder Lebenserwartung eines Organismus, die zu einer Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit oder zu einer Beeinträchtigung der Kompensationsfähigkeit gegenüber zusätzlichen Belastungen führt oder die Empfindlichkeit gegenüber schädlichen Wirkungen anderer Umwelteinflüsse erhöht. Im Zusammenhang mit Lärm ist von Bedeutung, dass große individuelle Unterschiede hinsichtlich des Kompensationsvermögens (gesunde Personen, Personen mit Vorschädigung, genetische Disposition, berufliche oder andere Zusatzbelastungen) und der Ausweichmöglichkeiten bestehen können. …

Die Exposition gegenüber Lärm (bei Nachbarschaftslärm insbesondere auch vor dem Hintergrund einer schon bestehenden Lärmkulisse z. B. durch Industrie und Verkehr) kann entsprechend – unabhängig von der Lautheit der Lärmquelle – auch negative Emotionen wie z. B. vermindertes Wohlbefinden, Ärger, Ängste, bis hin zu tiefer gehenden psychischen Störungen bei dem (einzelnen) Betroffenen auslösen. Diese wiederum können mittelbar zum Auftreten körperlicher Krankheitssymptome führen.

Entsprechend definierte die Weltgesundheitsorganisation 1999: Ein adverser Gesundheitseffekt durch Lärm bezieht sich auf jede vorübergehende oder langzeitige Störung der physikalischen, psychologischen oder sozialen Funktion, die mit der Lärm-Exposition verbunden ist.

Der Übergang von den „nur“ als belästigend bis zu den als krankmachend (gesundheitsschädlich) einzustufenden Lärmpegeln ist fließend. …

In der neueren Literatur wird verschiedentlich versucht, vorhandene Lärmpegel in Art einer Dosis-Wirkungs-Beziehung gesundheitlich adversen Wirkungen bzw. Belästigungsreaktionen und auch bewusst gewordenen Schlafstörungen zuzuordnen. …

Hierbei ist festzuhalten, dass Lärm mit Schalldruckspitzen gehörgefährdender ist als Dauerlärm [Bachmann 1999].

Deutliche Verschiebungen der vegetativen Gleichgewichtslage sind bei akuten Schalldruckpegeln oberhalb von 75 dB(A) zu erwarten. Diese äußern sich insbesondere in Änderungen der Blutdruckregelung und der hormonalen Regulation. Akute körperliche Reaktionen können schon bei geringen Geräuschpegeln auftreten, besitzen dann aber meist keine gesundheitliche Bedeutung [Ortscheid 1995]. Von wesentlicher Bedeutung ist hingegen die chronische oder wiederholte Einwirkung von Lärmreizen. …

Nach Wende und Ortscheid [2003] können sich Geräuscheinwirkungen während des Schlafes akut auswirken als

  •  Änderungen der Schlaftiefe mit und ohne Aufwachen
  • Erschwerung und Verzögerung des Einschlafens und Wiedereinschlafens
  • Verkürzung der Gesamtschlafzeit, der Tiefschlafzeit oder der Traumschlafzeit
  • vegetative Reaktionen (z. B. Herzfrequenz, Blutdruck, Fingerpulsamplitude)
  •  biochemische Reaktionen

oder indirekt auswirken als

  • Minderung der subjektiven Schlafqualität
  • Beeinträchtigung der Arbeitseffektivität am nächsten Tag

Schlafstörungen werden von Lärmbetroffenen oft gefürchtet. Sie können weitgehend vermieden werden, wenn die Mittelungspegel (Leq 8 Stunden) im Schlafraum 25 – 30 dB(A) und Einzelgeräusche 45 dB(A) nicht überschreiten [IAK-LW 1982]. …

Die Wahrscheinlichkeit von Aufwachreaktionen nimmt mit zunehmender Schlaftiefe ab, dagegen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderungen der Schlaftiefe eintreten. Da Tiefschlafstufen in der zweiten Nachthälfte seltener erreicht werden, ist die Anfälligkeit für Störungen in diesem Zeitraum durchschnittlich größer. Mit zunehmendem Alter sind Schlaftiefenveränderungen wahrscheinlicher. Geräusche mit hohem Informationsgehalt (z. B. ungewohnte Geräusche) führen schon bei sehr niedrigen Pegeln zum Aufwachen [Ahrens et al. 1989].

Dem Sachverständigenrat für Umweltfragen zufolge [SRU 2002, 445 und 446, SRU 2004, 481] sind spätestens bei Dauerschallpegeln oberhalb von 30 dB(A) (innen) Schlafstörungen zu befürchten. Entsprechend sollten „regelsetzende Institutionen … Immissionsrichtwerte festlegen, die deutlich unterhalb der Werte für gesicherte Gesundheitsgefährdungen (vegetative Übersteuerung, Aufwachen) liegen“ [SRU 1999, 468].

Literatur / Internet-Adressen (zitiert nach LAUG)

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Verordnung über genehmigungsbedürftige Anlagen in der Fassung der Bekanntmachung vom 14. März 1997 (BGBl. I S. 504), zuletzt geändert durch Artikel 3 des Gesetzes vom 23. Oktober 2007 (BGBl. I S. 2470)

http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bimschv_4_1985/gesamt.pdf ; Stand 05.01.2010

Ahrens et al. 1989: G.A. Ahrens et al. In (Umweltbundesamt Hrsg) Lärmbekämpfung ´88 Tendenzen-Probleme-Lösungen, E.Schmidt Verlag 1989 APUG 2007

Was ist Lärm ? Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit. http://www.apug.de/uug/laerm/index.htm ; Stand 05.01.2010

Verkehr, Umwelt und Gesundheit. Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 1. Aufl. März 2007 http://www.apug.nrw.de/pdf/v-u-g.pdf ; Stand 05.01.2010

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http://www.bfr.bund.de/cm/232/laermwirkungen_bei_kindern_und_erwachsenen_qualitaetsziele.pdf ; Stand 05.01.2010

Babisch 2005: W.Babisch: Guest editorial: noise and health. Environ.Health Perspect. 11 (2005) A14-A15

Babisch 2006: W.Babisch: Transportation noise and cardiovascular risk, Review and synthesis of epidemiological studies. WaBoLu-Hefte 01/06

Babisch 2008a: Gesundheitsrisiken durch Verkehrslärm. Mitteilung von W.Babisch an Frau Dr.Luck-Bertschat, Berlin, vom 23.06.2008

Bachmann 1999: K.D.Bachmann: Gehörschäden durch Lärmbelastungen in der Freizeit. Stellungnahme des Wiss. Beirates der Bundesärztekammer. Deutsches Ärzteblatt 96 (1999) 16, A-1081-1084

Baunutzungsverordnung 1993 Verordnung über die bauliche Nutzung der Grundstücke (NauNVO) vom 26.06.1962 in der Fassung der Bekanntmachung vom 23. Januar 1990 (BGBl. I S. 132), geändert durch Artikel 3 des Gesetzes vom 22. April 1993 (BGBl. I S. 466).

http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/baunvo/gesamt.pdf ; Stand 05.01.2010

BImSchG 2009 Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge; vom 15.03.1974 (BGBl. I, S. 721, 1193) neugefasst durch Bekanntmachung vom 26.09.2002 (BGBl. I, S. 3830), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 11. August 2009 (BGBl. I S. 2723)

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Genuit und Fiebig 2007: K.Genuit, A.Fiebig: Die Psychoakustik im Bereich der Lärmwirkungsforschung. Prakt.Arb.med. 9 (2007) 14-18

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Ortscheid 1995: J.Ortscheid: Anmerkungen zu Ergebnissen der epidemiologischen Lärmwirkungsforschung. Z.Lärmbekämpfung 42 (1995) 169-174

Ortscheid 1996: J.Ortscheid: Lärm. Ökologie – Gesundheit – Risiko: Perspektiven ökologischer Kommunikation (G.de Haan, Hrsg.) Akademie-Verlag Berlin 1996

OWiG 2009: Gesetz über Ordnungswidrigkeiten in der Fassung der Bekanntmachung vom 19. Februar 1987 (BGBl. I S. 602), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 29. Juli 2009 (BGBl. I S. 2353)

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http://www.berlin.de/sen/umwelt/service/gesetzestexte/de/download/umwelt/eu_umgebungslaerm_2002_49_eg.pdf; Stand 05.01.10

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SRU 2008: Umweltgutachten 2008 des Sachverständigenrats für Umweltfragen: Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels. Kap. 9: Lärmschutz. Deutscher Bundestag, Drs 16/9990, 02.07.2008; pp

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http://www.dfld.de/Link.php?URL=Archiv/TALaerm/TALaerm.htm ; Stand 05.01.2010

Umweltbundesamt 2009: W.Babisch: Night Noise Guidelines als offizielles WHO-Dokument veröffentlicht. Telegramm: umwelt und gesundheit, Ausgabe 06/2009, 1-4 https://umweltbundesamt.de/gesundheit/telegramm/Ausgabe06-2009-.pdf ; Stand 30.11.2009

VDI 2008: Verein Deutscher Ingenieure, VDI 2308,“Abschätzung des gesundheitlichen Risikos im Immissionsschutz“, Entwurf, Düsseldorf 2008

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WHO 2009: Night noise guidelines (NNGL) for Europe. Bonn: European Centre for Environment and Health Bonn Office, World Health Organization.


Ansprechpartner: Hagen Stieper (hagen.stieper@gottlosenstammtisch.de)