Gottes Segen? Nein, danke!

Wer wie ich als nicht religiöser Mitbürger am Silvesterabend der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin lauschte, staunte am Ende nicht schlecht. Nach einem – zwar nicht mitreißenden, aber immerhin – Plädoyer für Einigkeit auf Basis der Werte des Grundgesetzes und Achtung vor den Mitmenschen gab uns Angela Merkel noch Ihren Wunsch nach Gottes Segen für das neue Jahr mit auf den Weg.

In Anbetracht der immer größer werdenden Gruppe konfessionsfreier Menschen in Deutschland (mittlerweile sind wir bei über 36 Prozent) und stetig sinkenden Mitgliederzahlen bei beiden großen Kirchen fühlt man sich von der Politik mal wieder so richtig ernst genommen. Grund genug, der Bundeskanzerin eine säkulare Rückmeldung zu geben.

Hier also meine E-Mail an Frau Merkel:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

wie viele Mitbürger habe ich gestern Ihre Neujahrsansprache gesehen. Sie erwähnen dort die Risse, die zurzeit durch unsere Gesellschaft gehen, wirtschaftliche wie auch kulturelle. Und Sie äußern am Ende den Wunsch, „dass wir uns wieder stärker bewusst werden, was uns im Innersten zusammenhält, dass wir wieder deutlicher das Gemeinsame in den Vordergrund stellen, dass wir uns bemühen, wieder mehr Achtung vor dem anderen zu haben (…)“. Um dann im nächsten Atemzug den Menschen „Gottes Segen für das neue Jahr 2018“ zu wünschen.

Mit diesem letzten Satz tun Sie genau das Gegenteil von dem, was Sie in Ihrer Ansprache anmahnen: Sie grenzen Menschen aus, und zwar all die Menschen, die eben nicht an einen Gott glauben. Sie ignorieren, wie übrigens die meisten Politiker, dass diejenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, mittlerweile mit mehr als 36 Prozent die größte Gruppe in der Gesellschaft darstellen (1). Eine Entwicklung, die sich rasant fortsetzen wird: Schon in zehn Jahren werden nur noch weniger als die Hälfte der Menschen Mitglied in einer der beiden christlichen Kirchen sein (2).

Sie werden jetzt vielleicht einwenden, dass ja unter den Menschen, die nicht in der Kirche sind, auch welche sind, die trotzdem an Gott glauben. Das ist richtig. Genauso wie die Tatsache, dass es auch unter Kirchenmitgliedern nicht wenige gibt, die nicht an Gott glauben – und schon gar nicht an den Gott und die Dogmen, wie sie von der Kirche gelehrt werden (2). Viele Menschen sind zum Beispiel nur deshalb noch in der Kirche, weil sie sonst um ihren Arbeitsplatz fürchten müssten – dank der Tatsache, dass das AGG bei kirchlichen Arbeitgebern wie Caritas und Diakonie keine Anwendung findet, auch nicht in verkündungsfernen Bereichen, in denen der Glaube keine Rolle spielt. Würde man sich dies sowie die an die Taufe gekoppelte Zwangsmitgliedschaft und den staatlich sanktionierten (und bezahlten) Religionsunterricht wegdenken, lägen die Mitgliederzahlen der Kirchen sicherlich noch um einiges niedriger.

In Ihrer Ansprache erwähnen Sie auch das Grundgesetz als Basis für die Einheit unserer Gesellschaft. Dem stimme ich zu. Die im Grundgesetz festgehaltenen Werte müssen wir viel stärker als bislang offensiv vertreten und aktiv verteidigen. Nun sind im Grundgesetz ja auch der Gottesbezug und der konfessionsorientierte Religionsunterricht verankert. Allerdings stammen diese Formulierungen aus einer Zeit, in der noch mehr als 96 Prozent der Bürger Mitglied in einer der beiden großen Kirchen waren (3). Damals gab es also einen klaren gesellschaftlichen Konsens. Heute würden diese Formulierungen so nicht mehr in eine Verfassung aufgenommen werden, das zeigen die jüngste Abstimmung in Schleswig-Holstein ebenso wie der fehlgeschlagene Versuch der CDU, den Gottesbezug wieder in die aktuell überarbeitete hessische Landesverfassung einzuführen. Auch ein konfessionsorientierter Religionsunterricht würde heute keine Mehrheit finden, denn er entspricht in keinster Weise der „vielstimmigen Gesellschaft“, die sie selbst erwähnen, und fördert ganz sicher nicht „die Achtung vor der unantastbaren Würde des einzelnen Menschen und seiner Freiheitsrechte“. Schüler, Eltern und auch Lehrer wünschen sich vielmehr ein Fach wie Religionskunde/Ethik, in dem Schüler aller Weltanschauungen gemeinsam unterrichtet werden. Denn nur aus dem Verständnis für den anderen kann letztendlich auch Achtung entstehen, die wir so sehr brauchen in unserer pluralistischen Gesellschaft.

Um es klar zu sagen: Ich respektiere Ihren persönlichen Glauben. Aber er ist Ihre Privatangelegenheit und hat in einer Ansprache in Ihrer Funktion als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, nichts zu suchen. Mit einer solchen Äußerung provozieren Sie auf völlig unnötige Weise und spalten dort, wo Sie eigentlich Einheit und Gemeinsamkeit beschwören wollen. Schade um diese vertane Chance.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Gabriele Förster
2. Vorsitzende Landesverband Hessen des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) e.V

(1) https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2016
(2) https://www.welt.de/politik/deutschland/article119742216/Christen-in-Deutschland-werden-zur-Minderheit.html
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Mitgliederentwicklung_in_den_Religionsgemeinschaften#Deutschland

Den vollständigen Text der Neujahrsansprache zum Nachlesen gibt es u.a. hier:
http://www.epochtimes.de/politik/deutschland/neujahrsansprache-von-angela-merkel-im-wortlaut-die-welt-wartet-nicht-auf-uns-a2308423.html