Klingelstreich oder Missionierung mit Bling Bling

einsteinStellen wir uns einmal Folgendes vor: Zum Ende des Ramadan ziehen kleine Gruppen von Kindern verkleidet als drei Kalifen durch die Straßen, klingeln an allen Türen und sammeln für ein islamisches Missionswerk, das Koranschulen in Pakistan und ähnliche Projekte unterstützt. Undenkbar? Nicht wenn man muslimisch durch katholisch ersetzt und Koranschule in Pakistan durch Missionsschule in Kenia.

Seit dem 6. Januar ziehen sie wieder durch die Lande, die Drückerkolonnen der katholischen Kirche in Form von bunt gekleideten Sternsinger-Grüppchen. Gegen einen Obolus gibt es für Besuchten ein frommes Liedchen, einen Segensspruch und ein magisches Gekritzel über der Tür. Kann man mögen, muss man nicht. Schon gar nicht, wenn man weiß, dass die alljährliche Sternsinger-Aktion alles andere ist als ein selbstloses Spendensammeln für die Ärmsten. Hinter der Aktion steht das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche. Das arbeitet mit Ortskirchen in Asien, Ozeanien und Lateinamerika zusammen. Und genau da liegt der Haken: Hier wird nicht einfach gesammelt, um anderen Menschen zu helfen, sondern die Hilfe ist Teil des eigentlichen Zweckes der Aktion, nämlich der Missionierung. In der „Ordnung der deutschen Bischofskonferenz für die Aktion Dreikönigssingen“, § 2, wird diesbezüglich kein Blatt vor den Mund genommen: „Dieser Dienst umfasst die Verkündigung des Evangeliums, das missionarische Zeugnis und den Einsatz für die weltweite Entwicklung, Gerechtigkeit und Solidarität. Die Aktion leistet die dazu notwendige pastorale Bildungsarbeit in unserem Land.“ (Quelle: https://www.sternsinger.de/fileadmin/bildung/Dokumente/dks/2016_dks_ordnung.pdf).

Natürlich sind die Projekte, die durch die Spenden unterstützt werden, für die Menschen vor Ort eine wichtige Unterstützung. Aber sie sind eben auch immer Teil der wirkmächtigen PR-Strategie der Kirchen, die wir so ähnlich auch in Deutschland kennen: Die Einrichtungen und Projekte von Caritas und Diakonie werden von vielen Menschen als selbstlose Unterstützung der Gesellschaft von Seiten der Kirchen wahrgenommen. „Aber die Kirchen tun ja auch so viel Gutes“, ist ein oft gehörter Spruch, wenn man zum Beispiel die Ausnahmen für kirchliche Träger im Arbeitsrecht kritisiert. Die Tatsache, dass das nötige Kleingeld für die Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft zu über 90 Prozent vom Staat und damit von allen Bürgern, christlichen, andersgläubigen und ungläubigen, kommt, ist dank der hervorragenden PR der Kirchen bei den meisten Menschen nicht angekommen. Nach dem Motto „Tu Gutes, aber lass andere dafür zahlen“ stellen sich die Kirchen als unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft dar. Fast so, als würde ohne sie der Sozialstaat, das Gesundheits- und das Bildungswesen umgehend zusammenbrechen. Dafür nutzen sie ihre seit Jahrzehnten aufgebauten Strukturen und verweisen darauf, dass die Mehrheit der Bundesbürger Mitglied in einer der beiden großen christlichen Kirchen ist. Wohl wissend, dass ohne die Säuglingstaufe und den grundgesetzlich sanktionierten Religionsunterricht diese Zahlen wohl anders aussähen, und viele Menschen nur deshalb noch in der Kirche sind, weil sie sonst ihren Job verlören.

Das besonders Perfide an der Aktion aber ist der Missbrauch des Enthusiasmus und der Hilfsbereitschaft der Kinder, die ehrenamtlich mit viel Einsatz als Sternsinger unterwegs sind. Kinder können sich nun einmal gegen Indoktrination kaum wehren. Natürlich wird kaum ein Kind nein sagen, wenn seine Freunde bei der Aktion mitmachen. Warum sollte es auch? Es hat die Möglichkeit, anderen Kindern zu helfen, und fühlt sich als etwas Besonderes. Einige Sternsinger werden ja jedes Jahr vom Bundespräsidenten empfangen – eine höhere Weihe dürfte es für die Kinder – den Papst mal ausgenommen – kaum geben.

Und so muss man tatsächlich den Hut ziehen vor der Kirche: Die Verbindung von Kindern, Folklore und Solidarität mit anderen Menschen ist brillant. So wie die Kindstaufe, das Krippenspiel im Kindergarten und die treuherzigen Geschichten im Religionsunterricht für Grundschüler. All das dient nur dem einen Ziel: Get them while they are young. Denn wenn der Mensch erst einmal anfängt, selbständig zu denken, wird es schwierig, wie schon Schopenhauer klar erkannte:

„Allein die Religionen wenden sich ja eingeständlich nicht an die Ueberzeugung, mit Gründen, sondern an den Glauben, mit Offenbarungen. Zu diesem letzteren ist nun aber die Fähigkeit am stärksten in der Kindheit: daher ist man, vor Allem, darauf bedacht, sich dieses zarten Alters zu bemächtigen. Hiedurch, viel mehr noch, als durch Drohungen und Berichte von Wundern, schlagen die Glaubenslehren Wurzel. Wenn nämlich dem Menschen, in früher Kindheit, gewisse Grundansichten und Lehren mit ungewohnter Feierlichkeit und mit der Miene des höchsten, bis dahin von ihm noch nie gesehenen Ernstes wiederholt vorgetragen werden, (…) daß, in der Regel, d.h. in fast allen Fällen, der Mensch fast so unfähig seyn wird, an jenen Lehren, wie an seiner eigenen Existenz, zu zweifeln (…).“

Wir empfehlen übrigens zur Abschreckung der Sternsinger die Einsteinsche Formel (s. Foto oben): Wissenschaft statt Aberglaube. Funktioniert, ganz ohne Glaube.