Mein Charlie, Dein Charlie, Charlie ist für alle da!

Keine zwei Wochen ist es her, dass islamistische Terroristen die Redaktion von Charlie Hebdo überfielen. Noch letzten Sonntag marschierten Menschen überall auf der Welt unter dem Motto „Je suis Charlie“ durch die Straßen und erklärten sich solidarisch mit den Ermordeten. Eine schöne, emotionale Geste. Aber für viele leider auch nicht mehr. Spätestens wenn der Papst behauptet, er sei Charlie, merkt auch der Naivste, dass da was nicht stimmt. Ob Merkel, Erdogan oder Franziskus, jeder kochte sein eigenes Charlie-Süppchen. Bis am Mittwoch die neueste Ausgabe von Charlie Hebdo erschien und die Redakteure unmissverständlich klar machten, dass sie keinerlei Hemmungen haben, allen Heuchlern ausgiebig in die jeweilige Suppe zu spucken.

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Sind wir nicht alle ein bisschen Charlie?

Tatsächlich ist die erste Ausgabe nach dem Attentat ein Meisterwerk. Nicht weil die Karikaturen und Texte brillant sind. Sondern weil sie genau das tut, was gute Satire eben tun sollte: entlarven. Mit ein paar Federstrichen hat Charlie die religionsübergreifende Koalition der Solidarität dazu gebracht, sich als das zu outen, was sie in Wirklichkeit ist: scheinheilig und verlogen. So als wäre nichts gewesen, empörte sich die islamische Welt nach Erscheinen der Ausgabe über die Verletzung religiöser Gefühle, Muslime fühlten sich mal wieder zu gewaltsamen Demonstrationen provoziert, zündeten Kirchen an und zerstörten westliche Einrichtungen. Es gab Todesopfer und die wenigen Zeitschriften in islamischen Ländern, die sich trauten, für Charlie Partei zu ergreifen, wurden bedroht oder verboten, zum Beispiel in der Türkei. Am Sonntag marschierte Erdogan noch mit in Paris, wenige Tage später wurden Internetseiten, auf denen die Charlie-Titelseite zu sehen war, gesperrt. Dazu gab‘s kaum verhohlene Drohungen von muslimischen Gelehrten, welche die Veröffentlichung der Karikaturen als „unklug“ bezeichneten. Frei nach dem bewährten Schläger-Motto: Wer mich provoziert, muss damit rechnen, eins in die Fresse zu bekommen.

Der Westen hingegen brillierte in vorauseilendem Gehorsam. Merkel behauptete mal wieder, der Islam gehöre zu Deutschland – welchen Islam sie genau meint, sagte sie nicht; vielleicht auch den mit den tausend Peitschenhieben für Menschen, die einfach nur ihre Meinung sagen? Oder es wurde gutmenschlerisch gejammert, dass man doch auch mal ein bisschen Rücksicht nehmen sollte auf die Religionen, wo wir uns doch alle gerade so lieb haben. „Könnten sie das zarte Pflänzchen des Verstehens im gemeinsamen Leid und Schmerz zwischen den großen Religionen nicht behutsam anwachsen lassen?“ fragt eine Leserbriefschreiberin verständnislos in der SZ angesichts der neuen Charlie-Ausgabe. Und eine andere bemerkt: „Die hemmungslose Geschmacklosigkeit der Charlie-Karikaturen beleidigt zutiefst alle Menschen, denen der Koran Richtschnur für ihre Lebensführung ist.“ Woher die Schreiberin namens Annemarie das so genau weiß, sagt sie nicht, aber sie ist auf jeden Fall schon mal empathisch betroffen. Man fragt sich: Was haben diese Leute denn von Charlie eigentlich erwartet? Eine Kuschel-Ausgabe fürs persönliche Wohlfühlfeeling?

Das Erstaunliche – oder vielleicht doch eben nicht so Erstaunliche – ist, dass die Charlie-Redaktion gar nichts Besonderes gemacht hat. Sie hat einfach weitergemacht wie bisher. Die Bilder und Texte sind respektlos, böse, für den einen oder die andere sicherlich auch geschmacklos. Und das ist gut so. Wer das nicht versteht, sollte sich die Mühe machen, den Leitartikel von Charlie-Herausgeber Gérard Biard zu lesen. Er bezeichnet Charlie Hebdo als eine atheistische Zeitschrift, die sich nachdrücklich für eine laizistische Gesellschaft einsetzt. Und er stellt die entscheidende Frage: Wie ernst ist es wirklich mit dem gemeinsamen Einstehen für die Freiheit der Karikaturisten?

Wir, die wir in westlichen Demokratien leben, sind in den letzten Jahren allzu verständnisvoll geworden, wenn es um die vermeintliche Verletzung religiöser Gefühle geht. Man will weltoffen sein und multikulturell und tolerant. Und vergisst dabei, dass das Zusammenleben in einer weltoffenen, multikulturellen Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn sich alle ohne Ausnahme an dieselben Regeln halten. Dazu gehört, dass die Gesetze für alle gelten und dass keine Weltanschauung einen absoluten Wahrheitsanspruch hat und dass jeder und alles kritisiert – und lächerlich gemacht – werden darf. Charlie Hebdo steht für das Recht auf Blasphemie, ein Grundrecht in einer demokratischen Gesellschaft. Inwieweit der Islam, aber auch die anderen Religionen, das akzeptieren können, muss sich erst noch zeigen.

Leseempfehlungen:

„Gottes Liebe ist bitter“ – Artikel zu Religionskritik in Demokratien in der taz

„Die Zauberformel ‚Das hat doch nichts mit dem Islam zu tun‘ zieht nicht mehr!“ Eine Aufforderung zu mehr Ehrlichkeit, Nachdenklichkeit und Selbstkritik unter den Muslimen von Ufuk Özbe

„Freiheit braucht Blasphemie“, ein Plädoyer von Alexander Feuerherdt

„Je ne suis pas Juif“, ein Artikel über den islamistischen Terror, kulturalistische Volksgemeinschaftlichtkeit und rassistischen Rechtspopulismus von Arthur Buckow